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28.1.1077: Gang nach Canossa
"Der Winter war grauenvoll, und die hoch aufragenden und mit ihren Gipfeln die Wolken berührenden Berge, über die der Weg führte, starrten so von ungeheuren Schnee- und Eismassen, dass auf den glatten steilen Hängen weder Reiter noch Fußgänger ohne Gefahr auch nur einen Schritt tun konnten. Aber das Nahen des Jahrestages, an dem der König in den Bann getan worden war, duldete keine Verzögerung der Reise. Denn der König kannte den gemeinsamen Beschluss der Fürsten, dass er, wenn er bis zu diesem Tage nicht vom Bann los gesprochen wäre, verurteilt werden und den Thron unwiderruflich verlieren sollte." Papst Gregor VII. höchstpersönlich schildert hier die furchtbaren Reisestrapazen des Königs Heinrich IV. Auch Königin Berta und der dreijährige Sohn reisen mit. Mehrere Gefolgsleute stürzen in den Alpen zu Tode.

Höhepunkt des Investiturstreits

Der deutsche König hat es eilig, bis Ende Januar 1077 nach Italien zu gelangen, denn sonst würde er seinen Königstitel auf immer verlieren. Er will anerkennen, dass Papst Gregor ihn exkommuniziert hat und Buße tun. Diese Bußleistungen Heinrichs IV. sollten Eingang in die Geschichtsbücher finden als "Gang nach Canossa".

Die spektakuläre Januarbuße ist der Höhepunkt des sogenannten Investiturstreits, bei dem Papst und König darum gestritten haben, wer die Bischöfe und Äbte in ein Kirchenamt einweisen darf.

Beginn des Machtkampfes

Der Machtkampf beginnt im Jahre 1074. Papst Gregor VII. erlässt Zölibatsvorschriften für Priester und verbietet die Einsetzung von Laien in kirchliche Ämter. Doch Heinrich IV. setzt in verschiedenen Städten Bischöfe ein. Gregor VII. ist erzürnt.

Anfang des Jahres 1076 trifft am Hofe Heinrichs ein eindringliches Mahnschreiben des Papstes ein. Darin droht er Heinrich an, ihn aus der kirchlichen Gemeinschaft auszuschließen. Auch der König müsse dem Papst, der Nachfolger des heiligen Petrus sei, strikten Gehorsam leisten.

Wormser Absageschreiben

Knapp vier Wochen später kann Heinrich in Worms die wichtigsten deutschen Bischöfe um sich versammeln. Gemeinsam unterzeichnen sie das "Wormser Absageschreiben", kündigen Papst Gregor den Gehorsam auf, und Heinrich befiehlt ihm, vom Thron zu steigen.

Der Brief des Königs wird vervielfältigt und im ganzen Reich verteilt, eine gezielte Propaganda gegen den Papst. Doch mit Gregor VII. hat Heinrich einen gefährlichen Gegner. Gregor gilt als der kriegerischste Papst, der je auf Petri Stuhl gesessen hat. In Rom hat er Geistlichkeit und Volk hinter sich und exkommuniziert Heinrich in einem eindrucksvollen Schauspiel. Am Schluss wendet sich der Papst - auch propagandistisch geschickt - in einem Gebet an den heiligen Petrus: "In dieser festen Zuversicht, zur Ehre und zum Schutz deiner Kirche, im Namen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, kraft deiner Gewalt und Vollmacht spreche ich König Heinrich, der sich gegen deine Kirche mit unerhörtem Hochmut erhoben hat, die Herrschaft über Deutschland und Italien ab, löse alle Christen von dem Eid, den sie ihm geschworen haben oder noch schwören werden, und untersage allen, ihm künftig noch als König zu dienen."

Bannstrahl

Gregor VII. wagt das Unfassbare: den König, den "Gesalbten des Herrn", trifft der Bannstrahl. Ein ungeheuerlicher Anschlag auf das Selbstverständnis des Kaisertums. Heinrich gerät in die Defensive. Der Bannspruch des Heiligen Vaters bewirkt, dass die antipäpstliche Front zusammenbricht. Heinrichs Verbündete fallen ab und planen, einen neuen König zu wählen, wenn Heinrich länger als ein Jahr im Kirchenbann verbleibt.

Sie laden den Papst ein, Anfang Februar 1077 auf der Reichsversammlung in Augsburg zu erscheinen und den Streit zwischen ihnen und dem König zu entscheiden. Doch Heinrich kommt ihnen zuvor. Er reist nach Canossa, um den Papst auf seinem Weg nach Deutschland abzufangen.

Buße

Gregor schildert, wie Heinrich vom 25. bis 28. Januar 1077 Buße leistet: "Drei Tage lang harrte der König vor den Toren der Burg aus, ohne jedes königliche Gepränge - in Mitleid erregender Weise, barfuss und in wollender Kleidung, und ließ nicht eher ab, unter reichlichen Tränen Hilfe und Trost des apostolischen Erbarmens zu erflehen, bis alle, die dort anwesend waren und zu denen diese Kunde gelangte, von Mitleid und Barmherzigkeit überwältigt, sich für ihn unter Bitten und Tränen verwendeten und sich über die ungewohnte Härte unseres Sinnes wunderten."

Ende des Investiturstreits

Endlich öffnen sich die Tore der Burg und Heinrich kann sich dem Papst zu Füßen werfen. Ein kurzfristiger politischer Erfolg für Heinrich, denn der Papst hat ihn vom Bann gelöst und wieder als König anerkannt. Dennoch wählen die Fürsten kurze Zeit später einen Gegenkönig.

Für den Papst mag es eine Genugtuung gewesen sein, in den windfesten Gemäuern der Burg Canossa zu sitzen und die Buße des deutschen Königs zu erleben. Der Papst jedoch erscheint nach der Versöhnung für viele seiner Verbündeten unglaubwürdig. Der Investiturstreit endet mit einem Kompromiss, aber der königliche Einfluss auf die Kirchenämter wird in den folgenden Jahren gänzlich schwinden.


Autor: Sabine Ochaba
   
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