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16.1.1895: Abschied von der Kutsche
Weil der Bau einer Eisenbahnlinie von Siegen nach Dillenburg ständig verzögert wurde, ergriffen einige junge Unternehmer die Initiative und gründeten die "Netphener Omnibusgesellschaft", die am 16. Januar 1895 beim Königlichen Amtsgericht zu Siegen ins Genossenschaftsregister eingetragen wurde. Diese erste deutsche Aktiengesellschaft im Öffentlichen Personennahverkehr beauftragte die Firma Benz & Co. in Mannheim, die damals pro Jahr 134 Personenwagen baute, auf der Basis eines sogenannten "Landauer" einen Omnibus zu konstruieren. Dieser erste motorisierte Omnibus der Welt traf am 10. März in Netphen ein.

Verkehrsgeschichte

Dr. Harry Niemann, früherer langjähriger Leiter des Konzern-Archivs der Daimler AG in Stuttgart, beschrieb den damals 5.000 Goldmark teuren, selbstverständlich in Handarbeit gefertigten Patent-Motorwagen: "Das war ein geschlossener Kutschwagen, bei dem sich der Fahrersitz über der Vorderachse befand. Der Motor war hinten eingebaut. Es handelt sich dabei um einen Benz-Motor, einen Viertakt-Einzylinder mit einem Hubraum von 2,6 Litern. Und das Fahrzeug hat fünf PS bei 600 Umdrehungen geleistet und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde."

Der 18. März 1895 war der Tag, der weltweit Verkehrsgeschichte schreiben sollte. Um 6 Uhr morgens knatterte der erste Omnibus auf der weltweit ersten Motor-Omnibus-Linie von Siegen über Netphen nach Deutz. Die 15 Kilometer lange Strecke wurde in einer Stunde und 20 Minuten bewältigt. Die Fahrt kostete damals 70 Pfennig. Acht Personen kamen in den Genuss dieser Bahnbrechenden Neuerung.

Die Bequemlichkeit ließ natürlich zu wünschen übrig: Auf den schlechten Straßen zerfetzten die Vollgummi-Reifen schnell und mussten durch die traditionelle Eisenbereifung ersetzt werden. Einziger Luxus war eine Heizung, die an den Kühlwasserkreislauf angeschlossen wurde.

Das flexibelste Massenverkehrsmittel

Wenn der lautstarke Motorwagen den noch immer verkehrenden Postkutschen begegnete, glich die Straße einem Tollhaus. Die Pferde scheuten, die Kutschen standen quer, das Fluchen der Postillions soll lauter gewesen sein als das Tönen des gelben Posthorns. Die Ortschronik von Netphen berichtet: "Verkehr ist genug da, wäre nur die ganze Maschinerie der Wagen nicht zu kompliziert, so würde das Unternehmen sehr rentabel sein. Die Vehikel entsprachen nicht den Anforderungen, und durch fortwährende Reparaturen an den Wagen und auch durch Unkenntnis der Wagenführer kamen so viele Betriebsstörungen vor, dass der Betrieb Ende Dezember 1895 ganz eingestellt werden musste."

Mit Widrigkeiten hatte auch ein anderer Pionier, Gottlieb Daimler, zu kämpfen. Er wollte 1898 eine Linie zwischen Bad Mergentheim und Künzelsau bedienen. Sein Omnibusaufbau wich von der Kutschenform ab. Dr. Harry Niemann dazu: "Bei diesem Fahrzeug, das in vier Motorstärken geliefert wurde, und zwar mit vier, sechs, acht und zehn PS, gab es unterschiedliche Aufbauten. Im Unterschied zu dem Benz-Omnibus saß der Fahrer schon geschützt durch eine Glasscheibe in einem Fahrerhaus. Dieser Daimler-Omnibus war also zu bestellen für sechs bis 16 Personen und den gab es als Besonderheit damals auch mit Gummireifen."

Der Omnibus hat sich vom Erben der Postkutsche zum Gelenk- und Niederflurbus, zum bunt gestylten, leistungsfähigen und umweltfreundlichen High-Tech-Vehikel entwickelt. Er ist nach wie vor das flexibelste Massenverkehrsmittel, das aus dem öffentlichen Personennahverkehr nicht fort zu denken ist, das aber auch am Ausflugs- und Reiseverkehr im In- und Ausland einen bedeutenden Anteil hat.


Autor: Gerd Schmitz
   
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