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24.8.1992: Brandanschlag in Rostock
Volksfeststimmung herrschte am Abend des 24. August 1992 im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Tausende Menschen waren versammelt. Mathias Thiel, ein Radioreporter, der live vom Ort des Geschehens berichtete, sagte zehn Jahre später: "Es war wie eine Stadionsituation."

Die Bilder gingen um die Welt: Menschen, die in einem brennenden Hochhaus eingeschlossen waren, während um sie herum eine jubelnde Menschenmenge tobte. Einige Kommentare gebrauchten erstmals seit 1945 wieder das Wort "Pogrom".

Der Rostocker Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter, der 1992 mit über 150 Menschen in dem Haus eingeschlossen war: "Es war damals eine Situation, in der mit katastrophalem Versagen von Politik ein Pulverfass entstanden ist, in der dann tatsächlich auch die Lunte rangehalten wurde und explodiert ist. Und was dort passiert ist, das vergesse ich mein ganzes Leben nicht."

Wie konnte so etwas geschehen?

Die Vorgeschichte

Jeder, der damals in Mecklenburg-Vorpommern Asyl beantragen wollte, musste sich in der "Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber" (ZAst) registrieren lassen. Diese war 1990 im sogenannten Sonnenblumenhaus im Plattenbauviertel Rostock-Lichtenhagen eingerichtet worden. Aber die vorhandene Kapazität reichte nicht aus, bereits im Februar 1992 war die ZAst überfüllt. Teilweise über Wochen hinweg mussten Asylbewerber mitten im Wohnviertel auf der Wiese campieren.

An dem für alle Seiten unhaltbaren Zustand änderte sich monatelang nichts, trotz öffentlicher Kritik und anonymer Drohungen.

Der 24. August 1992

Die Situation verschärfte sich Mitte August 1992: Zwei Tage lang standen sich randalierende Jugendliche der regionalen Neonazi-Szene und Polizeibeamte vor der ZAst gegenüber. Hunderte Schaulustige aus den umliegenden Hochhäusern sahen zu. Am dritten Tag wurde die ZAst vorsorglich geräumt, die Polizei zog ab.

Der Volkszorn flaute aber nicht ab, sondern suchte sich ein anderes Ventil. Am Abend des 24. August 1992 drangen Jugendliche in einen zweiten Aufgang des Sonnenblumenhauses ein. Hier war ein Wohnheim für Vietnamesen untergebracht, die zum großen Teil als DDR-Vertragsarbeiter nach Rostock gekommen waren. Steine und Brandsätze flogen gegen das Haus, die unteren Stockwerke wurden mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt, die Feuerwehr vertrieben. Es gab Applaus, Sprechchöre skandierten: "Deutschland den Deutschen" und "Ausländer raus".

Ungeschützt waren die Menschen im Haus, rund 150 Vietnamesen und eine Handvoll Deutsche, darunter auch ein Kamerateam des ZDF. Sie filmten, zufällig anwesend, die Todesgefahr. Erst als es gelungen war, die mit Ketten gesicherte Tür zum Dach aufzubrechen, konnten sich die Eingeschlossenen von dort aus in das Nebenhaus retten.

Die Stadt Rostock war zum Schauplatz rechter Gewalt geworden. Sie reihte sich damit in eine bedenkliche Kette fremdenfeindlicher Vorfälle in Deutschland seit Beginn der neunziger Jahre. Doch mehr noch als Orte wie Hoyerswerda, Mölln und später Solingen und Lübeck wurde Rostock zum Synonym für rechte Gewalt und Fremdenhass. Woran lag das?

Die Täter?

Es schien keine Haupttäter zu geben. Neben den hunderten randalierenden Jugendlichen standen bis zu Tausend Zuschauer: Nachbarn und Schaulustige, die durch die Randale angelockt worden waren. Sie applaudierten, kommentierten und standen dabei zum überwiegenden Teil auf der Seite der rechtsradikalen Gruppen.

Der Journalist Ulrich Ben Vetter, der damals ebenfalls aus Lichtenhagen berichtet hatte: "Ich war enttäuscht über die Reaktion von normalen Mitbürgern, die wirklich zu diesen Ereignissen applaudiert haben, das ist ein Bild, das man nicht vergessen kann."

Eine lange Reihe von 250 Strafverfahren begann. Eingeleitet wurden sie schon kurze Zeit nach dem Anschlag, der Grossteil allerdings aus Mangel an Beweisen oder zu geringer Schuld eingestellt. Nur einige Wenige wurden verurteilt: Zum geringstmöglichen Strafmass wegen Brandstiftung, nicht wegen versuchten Mordes.

Im November 2001 saßen schließlich die letzten Täter auf der Anklagebank im Schweriner Landgericht. Alle drei erhielten Bewährungsstrafen zwischen zwölf und 18 Monaten, diesmal wegen Mordversuchs und schwerer Brandstiftung.

Die Reaktion

Mit Entsetzen schauten die Menschen damals nach Rostock, aber auch auf Politik und Polizei. Bilder von Hetzjagden auf Ausländer, Neonazi-Versammlungen und brennenden Gebäuden ließen Deutschland im Herbst 1992 aufschrecken.

Anfang Dezember 1992 fanden sich deshalb in vielen Städten weit über Hunderttausend Menschen in Lichterketten zusammen, um ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu setzen.

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Autorin: Stefanie Golm
   
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