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20.5.1795: Meter wird in Paris festgelegt
Lebten wir Deutschen noch im ersten Kulturzustand, hätten wir im September des Jahres 1998 umrechnen müssen - vom Kohl-Maß zum Schröder-Maß - und dabei wohl ein schlechtes Geschäft gemacht. Im Anfang unserer Zivilisationsgeschichte gilt nämlich der Mensch als "Maß aller Dinge".

Genauer gesagt sind es die Maße von Elle oder Fuß des jeweiligen Herrschers. So geht das über Jahrtausende, Betrügereien sind programmiert. Noch im sechsten Jahrhundert nach Christus mahnt der Prophet Mohammed:

Mohammed: "Gebet volles Maß und rechtes Gewicht, denn eins von den größten Lastern, denen sich die Midianiter schuldig waren, war dieses, dass sie unterschiedliches Maß und Gewicht, nämlich ein großes und ein kleines gebrauchten und nach dem einen kauften, nach dem andern aber verkauften."

Bleiben wir bei der Länge: Im 16. Jahrhundert sind die Briten bereits schlauer, haben erkannt: Der eine hat kleine, der andere große Füße. Ein Durchschnittswert muss also her, weshalb 16 ehrenwerte Untertanen der Krone ihre Füße in einer Reihe bitteschön hintereinander stellen. Der 16. Teil wird als Längeneinheit "Fuß" festgelegt. Auf dem Kontinent hingegen besteht jeder Regent weiter auf einem eigenen Meßsystem.

Da schlägt die Geburtsstunde des Meters. Im Zeitalter der französischen Revolution ist man besessen von der Einheit und verlangt folgerichtig auch nach einer universellen Einheit für das Maß. Professor Jürgen Helmcke von der Physikalisch Technischen Bundesanstalt in Braunschweig:

Prof. Helmche: "In Deutschland zum Beispiel war es so, dass es 30 verschiedene Ellen gab, die dann von etwa 50 bis 80 Zentimeter gingen. Und da kann man sich vorstellen, dass das mit der Industrialisierung große Hemmnisse gab, und darum kam die französische Nationalversammlung dann auf die Idee, dass man sagt: 'Wir leiten jetzt die neue Längeneinheit von etwas ganz Neutralem ab, wo sich eigentlich jedes Volk dran anschließen kann.' Und man hat dann den Umfang der Erde als Grundmessgröße genommen."

Aus dem Geist der Aufklärung heraus begeben sich die französischen Astronomen Jean-Baptiste Delambre und Pierre Méchain am 25. Juni 1792 von Paris aus auf die Suche nach dem Maß aller Dinge. Der eine reist nach Dünkirchen, der andere nach Barcelona. Ihre Mission: Sie sollen die Länge der Meridiane zwischen diesen beiden Städten messen.

Prof. Helmche: "Zum damaligen Zeitpunkt glaubte man, dass der Umfang der Erde eine Größe ist, die sich praktisch nicht ändert oder nur sehr wenig ändert. Und aus dem Grunde ist man auf den Erdumfang gekommen, das heißt, ein Viertel des Erdquadranten sollte gleich zehnmillionen Meter sein."

Sechs Jahre dauert ihre Expedition, doch das aufgeklärte Zeitalter will solange nicht warten. Bereits drei Jahre nach ihrem Start legt der Nationalkonvent anhand der vorliegenden Ergebnisse der Gelehrten das Meter fest: Als vierzigmillionster Teil des Meridians, der durch die Pariser Sternwarte geht.

Das so genannte Urmeter, das aus reinem Platin hergestellt wurde, lagert noch heute hinter dicken Panzertüren in Paris. Doch weil die Wissenschaft längst weiß, dass der Erdumfang nicht konstant bleibt, ist dieser Prototyp auch nicht mehr das, was er einmal war:

Prof. Helmche: "Den brauchen wir überhaupt nicht mehr, und mich stört es persönlich immer, wenn man im Kalender immer noch liest, dass das Meterprototyp die Definition und Realisierung des Meters darstellt. Genaugenommen, das kann man gar nicht deutlich genug sagen, hat dieses Prototyp nur noch historischen Wert, für die Wissenschaft ist es ein Stück Edelschrott."

Denn heute sind für die Längenmessung nicht mehr die Meridiane ausschlaggebend. Heute bestimmt man Entfernung mithilfe der Zeit, in der Licht von einem bestimmten Punkt zum anderen läuft. Seit 1983 gilt die Definition:

Prof. Helmche: "Ein Meter ist die Länge der Strecke die Licht im Vakuum in einem Zeitintervall von einer durch 299.792.458 einer Sekunde durchläuft. Ich weiß nicht, ob ich die Zahlenfolge richtig habe, aber es ist letztlich angenommen, dass die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum konstant ist."

Präziser geht es kaum. Doch die beiden französischen Astronomen maßen damals auch ziemlich genau, weshalb sich das "Meter" als internationale Basiseinheit vor langer Zeit schon durchsetzen ließ - als Kind der Aufklärung.

Autorin: Carola Hoßfeld
   
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