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29.5.1993: Brandanschlag in Solingen
Melancholische Musik klingt durch das türkische Lokal im Zentrum von Solingen. Eines der wenigen, das am späten Nachmittag Essen anbietet. Die anderen türkischen Gaststätten in der Gegend sind entweder zum Treffpunkt kartenspielender Arbeitsloser geworden oder aber in ihren Fenstern hängen Schilder : "Zu verkaufen", " Zu vermieten", "Wir haben geschlossen".

Nur die Vielzahl türkischer Läden, Reisebüros und eben der Lokale lässt ahnen, wie hoch der Anteil der Türken in der Stadt ist: Von den rund 170.000 Einwohnern stammt jeder fünfte aus dem Ausland, und die Türken sind mit Abstand die größte Gruppe. Sie sind in den Ort gekommen, der durch seine kleinen Metallfabriken weltberühmt geworden ist, und viele leben jetzt schon in der dritten Generation hier.

So mancher dieser Betriebe hat längst schließen müssen, und der Anteil der Arbeitslosen unter den Türken ist deswegen heute relativ hoch. Mehr als das aber dürfte so manchem von ihnen auch heute noch zu schaffen machen, was sich in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 1993 hier ereignet hat: Beim Brandanschlag auf ein türkisches Wohnhaus kamen fünf Menschen um. Wolfgang Schreiber, Redakteur des "Solinger Tageblatt", erinnert sich:

Schreiber: "Ich hatte so etwas noch nie in meinem Leben gesehen, dass ein Haus wirklich vom Kellerschacht bis zum Dachstuhl in Flammen steht. Und irgendwie war allen sehr schnell klar, dass das nicht so'n normaler Brandeinsatz ist, wo man schon mal im Rahmen eines Dienstes hinkommt, sondern dass hier schon zu einem frühen Zeitpunkt wirklich feststand, dass etwas Ungeheuerliches passiert war. Dass Menschen um ihr Leben gelaufen sind, dass Menschen aus dem Fenster gesprungen sind. Die Leiche einer jungen Frau lag abgedeckt auf der Straße. Und so hat sich das fortgesetzt bis in den frühen Morgen. Der Brandanschlag selbst ist wohl hinterher auf 1.38 Uhr festgelegt worden - bis in den frühen Morgen hat sich dieses Gefühl wirklich bei allen Menschen verankert, dass das etwas so Ungeheuerliches ist, was die Menschen in Solingen bis dahin nicht erlebt haben. Zumindest nicht die Jüngeren, die den Krieg nicht erlebt haben."

Es war die Zeit in Deutschland, als es fast täglich zu ausländerfeindlichen Ausschreitungen und Überfällen kam. Solingen war davon verschont geblieben, und man war sogar stolz darauf, wie friedlich man hier doch mit seinen nicht-deutschen Mitbürgern zusammenlebte. Im Protest gegen Überfälle anderswo war man auch in Solingen auf die Straße gezogen und hatte Gottesdienste abgehalten. Um so größer der Schock, dass solches nun auch hier passieren sollte:

Wo die Schweizer Straße auf die Untere Werner Straße stößt, liegt heute ein kleiner Obstgarten. Nur ein winziges Denkmal erinnert daran, dass hier ein altes Fachwerkhaus stand, das die Familie Genc sich gekauft hatte:

"29. Mai 1993. An dieser Stelle starben als Opfer eines rassistischen Brandanschlags Gürsin Ince, Hatice Genc, Gülüstan Öztürk, Hülya Genc, Saime Genc". Daneben ein etwas verwittertes Schild: "Wir haben Euch nicht vergessen, wir werden Euch nicht vergessen."

Vergessen scheint aber doch, dass hier das Haus der Familie Genc abbrannte und fünf Familienmitglieder dabei umkamen. Die Trümmer wurden bald nach dem Anschlag - auf Wunsch ihrer Besitzer - weggeräumt, obwohl man hier vielleicht noch wichtige Spuren für den Prozess hätte finden können, in dem inzwischen langjährige Haftstrafen gegen die jugendlichen Täter verhängt wurden.

In der Stadt haben sich seit dem Anschlag zwar viele um eine Verbesserung des Klimas bemüht: Es wurden Begegnungsstätten eingerichtet, christliche und muslimische Gemeinden nahmen Kontakte miteinander auf, Schulklassen reisten in den Heimatort der Genc's in der Türkei und vieles mehr.

"Aber natürlich, nach dem Rummel, der auch entstanden war um Solingen, und der Name hat ja nun wirklich massiven Schaden erlitten. Da können Sie bei den Menschen auch beobachten, dass man gerne zu der Normalität, die man vorher als solche empfunden hat, wieder zurückkehren würde, so dass sicherlich auch Menschen in Solingen leben, die sagen: 'Also, komm, bitte, sechs Jahre danach...' Vielleicht am Jahrestag, dass wir noch mal kurz gedenken, aber diesen Spiegel immer wieder vorhalten: 'Was habt Ihr damals gemacht?', da kommen sicher auch Menschen schlecht mit zurecht."

Autor: Peter Philipp
 
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