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22.4.1724: Immanuel Kant geboren
Ideen, die Zeitumbrüche einleiten. Soziale, geistige, kommunikative Erneuerungen: Viele stellen sich heute etwas anderes darunter vor, als was noch vor fünf, sechs Generationen einen - wie wir sagen würden - "Clash of Civilisation" bedeutet hat. Verkörpert obendrein durch einen schmächtigen Mann, in tiefster ostpreußischer Provinz. Sehr viel mehr war Königsberg vor etwas über 200 Jahren kaum.

Und doch hat dieser unscheinbar wirkende Professor Immanuel Kant die Welt verändert, als er im September 1795 - zum Beginn der Leipziger Buchmesse - eine schmale Schrift veröffentlichte. Titel: "Zum ewigen Frieden - ein philosophischer Entwurf." Inhalt: Radikale Forderungen an jene, die sich für gesellschaftliches Zusammenleben verantwortlich fühlten. Und gipfelnd in dem Vorschlag eines Völkerbundes republikanischer Staaten.

Im revolutionären Paris erschienen jubelnde Rezensionen. Dort begrüßte man Kant als republikanischen Bundesgenossen, denn Kants Traktat bedeutete nicht weniger als die erste neuzeitliche Programmschrift einer Weltfriedensordnung. Ihr Verfasser - ein Vordenker der UNO.

Und nicht minder verblüffend schon zehn Jahre davor in Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten": Die universale Perspektive, die Völker der Welt seien so nahe aneinandergerückt, dass Rechtsverletzung an einem Platz an allen gefühlt wird. Also die philosophische Vorwegnahme weltweiter Vernetzung. Ihr moralisches Fundament: Die menschliche Vernunft, die über die Grenzen des Erfahrungshorizonts hinausdrängt, hin zum Entwurf eines "unbedingt Notwendigen" - und zwar als absolute Pflicht des - wohlgemerkt, autonomen - menschlichen Willens. In dieser Erkenntnis liegt der Ursprung von Kants "Kategorischem Imperativ". Sein Prinzip, in einem knappen Satz:

"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

Verbeugung vor dem Genie aus Königsberg, 180 Jahre später durch den - gleichfalls deutschen - Philosophen und Mitinspirator der 68er-Studentenbewegung, Theodor W. Adorno, der als Jude die Pervertierung deutschen Geistes erlebt hat:

Adorno: "Mündig zu werden, der eigenen geschichtlichen und gesellschaftlichen Situation und der internationalen ins Auge zu sehen, wäre gerade an denen, die auf deutsche Tradition sich berufen, die Kants. Sein Denken hat sein Zentrum im Begriff der Autonomie, der Selbstverantwortung des vernünftigen Individuums, anstelle jener blinden Abhängigkeiten, deren eine die unreflektierte Vormacht des Nationalen ist."

Impulse für die Praxis, den handelnden Politiker?

Helmut Schmidt als Bundeskanzler 1981: "Für mich sind bei Kant drei Dinge besonders wichtig: Zum einen der Standpunkt einer Menschheitsethik, die von den fundamentalen Freiheiten aller Menschen ausgeht. Zum anderen die Pflicht zum Frieden und zur Völkergemeinschaft als eine zentrale moralische Norm und nicht nur eine politische Norm, nicht nur eine Zweckmäßigkeitsnorm. Drittens vor allem aber die enge Verbindung zwischen dem Prinzip der sittlichen Pflicht und dem Prinzip der Vernunft, oder wie man heute sagen mag: Der kritischen Vernunft, der kritischen Ratio."

Durch seine Übertragung des Transzendenten auf handfestes Erkennen und Tun hat Immanuel Kant die wissenschaftliche Philosophie neu begründet. Eine Zäsur des Denkens, die - seit zwei Jahrhunderten und gerade in unsere neuerliche Zeitenwende hinein - fortwirkt, mit der Forderung,

"(...) dass der Politiker, der verantwortlich handeln will, dass er zugleich die Folgen seines Handelns für die anderen mit berücksichtigen soll. Für den Politiker verlangt Kants Imperativ, nicht auszugehen von Opportunitätsrücksichten - für Politiker ist das 'ne ziemliche Zumutung, 'ne notwendige Zumutung - sondern alle von seinen Entscheidungen betroffenen Interessen, alle von seinen Entscheidungen ausgehenden Folgen abzuwägen."

"Und wenn einer sagt, wie ich es gelesen habe, entweder gehe es hier um Öl oder um Moral, so hat der jedenfalls nicht genug nachgedacht."

Autor: Gerhard Appeltauer
   
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