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26.4.1986: Tschernobyl
Als die Weltöffentlichkeit vom GAU, vom größten anzunehmenden Unfall in einem Kernkraftwerk, erfuhr, hatten die lautlosen und unsichtbaren Boten der Katastrophe längst die Grenzen der Sowjetunion überschritten. Messstationen in Schweden und Finnland registrierten erhöhte Radioaktivität. Für Experten war die Lage schnell klar: ein schwerer Störfall musste in einem sowjetischen Atomreaktor eingetreten sein.

Doch trotz Glasnost und Perestroika hüllte sich die Führung in Moskau zunächst in Schweigen. Die offizielle Stellungnahme folgte über 48 Stunden nach dem Unglück - die Nachricht ging um die Welt:

"Die Sowjetunion hat zugegeben, dass es in einem Atomkraftwerk in der Ukraine zu einem Unglücksfall gekommen ist. Die amtliche Nachrichtenagentur TASS berichtete, bei dem Unglücksfall in der Stadt Kiew seien auch Menschen zu Schaden gekommen. Bei dem Unglück sei ein Kernreaktor beschädigt worden. Die Behörden hätten Maßnahmen ergriffen, um den Betroffenen zu helfen. Damit haben sich Spekulationen bestätigt, wonach die in Finnland und Schweden festgestellte Radioaktivität auf einen Unglücksfall zurückzuführen ist."

Das war allerdings nur ein Bruchteil der Wahrheit. Zu diesem Zeitpunkt wurden in der Umgebung des Reaktors von Tschernobyl bereits Tausende von Menschen evakuiert. Beschwichtigung war auch in Deutschland für die Politik das Gebot der Stunde. Der damalige Innenminister Friedrich Zimmermann in einer Regierungserklärung:

"Obwohl wir über keine genauen Informationen verfügen, ist die Lage bei uns unter Kontrolle, weil wir über die Daten unserer Messstationen verfügen und sachverständige Wissenschaftler haben, die daraus die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Nach den vorliegenden Erkenntnissen bestand und besteht keine Gefahr für uns. Die kurzzeitig angestiegene Radioaktivität in der Luft ist inzwischen wieder gesunken und hat vielerorts wieder den Normalwert erreicht. "

Vielerorts auch nicht. In Süddeutschland, im Bayerischen Wald beispielsweise, war der Boden zu diesem Zeitpunkt mit bis zu 45.000 Bequerel des radioaktiven Cäsium 137 kontaminiert - der Normalwert liegt bei 300. Dennoch spielten offizielle Stellen wie die Internationale Atomenergieorganisation oder auch das deutsche Atomforum die Ausmaße der Reaktorhavarie weiter herunter - mit begrenztem Erfolg. Weltweit wuchsen die Zweifel an der wirtschaftlichen Nutzung der Atomkraft. Wenige Jahre nach Tschernobyl räumte Wilhelm Ringeis, Direktor beim Kernkraftwerksbetreiber RWE, ein:

Ringeis: "Wie kaum ein Störfall zuvor, hat der Reaktorunfall in Tschernobyl - und zwar weltweit - nachhaltige Auswirkungen gehabt."

Materielle Auswirkungen für die Kernindustrie, für Mensch und Natur waren die Folgen weitaus gravierender. Hunderte der sogenannten Liquidatoren, meist junge Soldaten, die ohne ausreichende Schutzkleidung mithalfen, den havarierten Reaktorblock Vier in einen Betonsarkophag zu verwandeln, starben kurze Zeit später an Strahlenkrankheit. In der Region stieg die Anzahl missgebildeter Kinder und die Leukämierate dramatisch an. Und noch zehn Jahre später berichtete die grüne Abgeordnete Ursula Schönberger als Mitglied des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Deutschen Bundestag:

Schönberger: "Wir wissen, wie systematisch die sogenannten Liquidatoren aus der gesamten Sowjetunion zusammengeholt wurden und nach erfolgter Bestrahlung wieder verstreut wurden, um eine Bewertung der Folgen zu verhindern. Wir wissen, dass es in weiten Teilen der Ukraine und Weißrusslands außerhalb der Todeszone Gebiete mit einer Bestrahlung von 1,5 Millionen Bequerel pro Quadratmeter gibt, wo die Menschen aufgrund ihrer sozialen und ökonomischen Situation gar nicht anders können, als sich von dem zu ernähren, was auf diesem Boden wächst. Und wir wissen auch, dass das Volk der Weißrussen vom Aussterben bedroht ist, weil die Geburtenraten inzwischen weit hinter der Sterberate zurückbleibt."


Autorin: Sybille Golte
   
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