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11.4.1968: Attentat auf Rudi Dutschke
Westberlin 1968. Die Atmosphäre war wie in vielen deutschen Großstädten aufgeheizt. Tausende Studierende rebellierten gegen die Autorität von Staat, Universität und Elternhaus: eine Reaktion auf die verdrängte faschistische Vergangenheit, aus der Deutschland fast nahtlos in sein Wirtschaftswunder fand. Marxistische Theorien, Jean-Paul Sartre und die Philosophen der "Frankfurter Schule" lieferten das Gedanken-Futter für eine neue, kritische Intelligenz.

Die Spaßguerilla der Außerparlamentarischen Opposition formierte sich zur 'radikalen Minderheit': "Es ist keine Zeit nüchterner, kalter, von der Praxis getrennter Reflektion, sondern eine Zeit der Mobilisierung", sagte Rudi Dutschke, der populärste Sprecher des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes im Audimax der Freien Universität Berlin.

Kurze Zeit später gingen Fernsehbilder einer Vietnam-Demonstrationen um die Welt; in Ketten und Reihen untergehakt, rannten studentische Protestler gegen die polizeiliche Übermacht mit Wasserwerfern und Schlagstöcken an. Rudi Dutschke war in der ersten Reihe: "Dass wir durch internationale Massenaktionen systematisch Desertion betreiben in den Armeen und die subversiven Aktionen gegen Kriegsmaterial der Nato verbreitern und so mithelfen, dass kein Kriegsmaterial aus Mitteleuropa nach Afrika, Asien, Südamerika und nach Vietnam geht."

Prozess der Veränderung

In Axel Springers BILD-Zeitung erschien im Zusammenhang mit den Studentenunruhen fast täglich das Wort 'Terror' und lieferte dazu auch ein Gesicht. Ein schmales, asketisches Gesicht, scharfes Profil, intensiv beschwörender Blick, halb von dunklen Haarsträhnen verdeckt. Das Gesicht des 28-jährigen Soziologiestudenten Rudi Dutschke, der Lenins Idee einer permanenten Revolution modernisieren wollte und eine etwas synthetische Befreiungsstrategie entwickelte: "Der Prozess der Veränderung geht über diesen Weg des, wie ich das mal genannt habe, des 'langen Marschs' durch die Institutionen in und außerhalb der Universität."

Dutschke und seine Mitstreiter sahen immer mehr die Notwendigkeit einer "Urbanisierung der Guerillatätigkeit" in den europäischen Metropolen, frei nach den Vorstellungen des Revolutionärs Che Guevara. Der im märkischen Luckenwalde lutherisch-protestantisch geprägte Dutschke akzeptierte tatsächliche Gewalt nur äußerst widerstrebend - ganz anders als die Rote Armee Fraktion, die im April 1968 die ersten Bomben zündete.

"Sanft war er, ein bisschen zu sanft, wie alle Radikalen"

Allerdings, die Westberliner Bevölkerung hatte sich auf ihren "Staatsfeind Nummer 1" festgelegt. An Häuserwänden erschienen Parolen wie: "Vergast Dutschke!". In der Person des jungen Hilfsarbeiters Josef Bachmann fand sich jemand, der Rudi Dutschke am 11. April 1968 niederschoss.

Am 24. Dezember 1979 starb Rudi Dutschke, im Alter von 39 Jahren an den Spätfolgen des Attentats im dänischen Aarhus. Er war am Ende seines Lebens Mitglied der Grünen in Bremen geworden und stand vor der Entscheidung, mit seiner Frau Gretchen und den zwei Kindern nach Deutschland zurückzukehren.

Der widersprüchliche Revolutionär Rudi Dutschke wurde in Berlin beerdigt. Bei der Trauerfeier sang Wolf Biermann ein Lied für ihn, in dem es hieß: "Sanft war er, ein bisschen zu sanft, wie alle Radikalen."


Autorin: Petra Grunert
   
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