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9.4.1883: Beginn der deutschen Kolonialpolitik
"Wer soll denn den ganzen Kaffee trinken?" soll Reichskanzler Fürst Bismarck auf die wachsende koloniale Stimmung Anfang der 1880er-Jahre geantwortet haben. Bismarcks Zögern war berechtigt. Schon nach ein paar Jahren zeigte sich, dass die sogenannten Schutzgebiete viel mehr Belastung als Gewinn waren, wirtschaftlich, politisch und militärisch. Von den Risiken wollte aber damals kaum jemand etwas wissen.

Auf dem Weg zur Kolonialmacht

Ein neues Gefühl des Aufbruchs herrschte im Deutschen Reich, als 1883/1884 ein paar Abenteurer und Kaufleute ferne Landstriche erwarben, die bald danach unter den Schutz des Reiches gestellt wurden. Das Deutsche Reich war Kolonialmacht geworden und in den Augen vieler erst jetzt gleichberechtigt mit anderen europäischen Staaten.

"Die deutsche Nation ist bei der Verteilung der Erde leer ausgegangen. Alle übrigen Kulturvölker Europas besitzen auch außerhalb unseres Erdteils Stätten, wo ihre Sprache und Art feste Wurzel fassen und sich entfalten kann. Es gilt, das Versäumnis von Jahrhunderten gutzumachen." So warb ein Dr. Carl Peters im März 1884 im Gründungsaufruf seiner Gesellschaft für deutsche Kolonisation.

Peters machte noch von sich reden, als er einigen Häuptlingen in Ostafrika Schutzverträge mit dem Reich aufschwatzte und damit den Grundstein für das Gebiet Deutsch-Ostafrika legte. Sein späteres Regime dort als Bevollmächtigter des Reiches war allerdings selbst für den damaligen Geschmack derart brutal, dass er aus dem Staatsdienst entfernt wurde. Das war aber die große Ausnahme.

Schlag auf Schlag auf Kosten der Bevölkerung

Zunächst kannte die Begeisterung über eine neue nationale Aufgabe keine Grenzen. Der Bremer Kaufmann und Reeder Eduard Woermann war 1884 dabei, als Kamerun deutsch wurde, er schrieb: "Das war einmal eine aufregende Woche. Die ganze Zeit Unterhandlungen, Bewirtungen und Demonstrationen. Cameroons (sic) ist jetzt deutsch und wird es nun auch hoffentlich immer bleiben. Sonnabend, den 12. Juli 1884: Am Abend kam King Aqua, Bell auch, man unterschrieb und schloss den Akt mit einem begeisterten Wohl auf unseren Deutschen Kaiser."

Binnen weniger Jahre kamen die Neuerwerbungen in Übersee Schlag auf Schlag. Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Neuguinea und zahlreiche Pazifikinseln, dazu das Pachtgebiet Kiautschu in China. Das gesamte Kolonialreich umfasste bei seiner größten Ausdehnung rund 2,5 Mio. Quadratkilometer mit schätzungsweise 15 Mio. Menschen. Diese Menschen interessierten dabei fast nur als billige Arbeitskräfte.

Dass diese Menschen vielleicht gar keine Untertanen des deutschen Kaisers werden wollten, kam dabei den wenigsten in den Sinn. Aufstände gegen die deutsche Herrschaft, vor allem in Südwestafrika, wurden blutig und rücksichtslos niedergeschlagen.

Unaufhaltsame Eigendynamik

Bismarck hatte sich anfangs nur bereit gefunden mitzuspielen, weil er glaubte, es gehe nur um kleine Handelsniederlassungen, um die sich die interessierten Kaufleute selbst kümmern würden, und das Reich könne sich weitgehend im Hintergrund halten. Er wollte unnötige Belastungen für den Staat vermeiden.

Im Reichstag erläuterte er das Ziel am 26. Juni 1884: "Unsere Absicht ist nicht, Provinzen zu gründen, sondern kaufmännische Unternehmungen, aber in der höchsten Entwickelung. Im übrigen hoffen wir, dass der Baum durch die Tätigkeit der Gärtner, die ihn pflanzen, auch im ganzen gedeihen wird, und wenn er es nicht tut, so ist die Pflanze eine verfehlte, und es trifft der Schade weniger das Reich, sondern die Unternehmer, die sich in ihren Unternehmungen vergriffen haben."

Diese Hoffnung war ein großer Irrtum. Schon nach kurzer Zeit waren die Handelsgesellschaften mit der Verwaltung und dem Schutz ihrer immer größeren Gebiete überfordert. Aber die Sache hatte innenpolitisch längst eine so starke Eigendynamik entwickelt, dass sich das Reich gezwungen sah einzuspringen, mit Verwaltungsbeamten, Polizisten, Soldaten und wachsenden Zuschüssen.

Fehlschlag Kolonialpolitik

Kolonialkriege zehrten nicht nur Mittel, sondern auch Ansehen auf. Und im Ersten Weltkrieg waren die Schutzgebiete militärisch nicht zu halten, auch insofern mehr Belastung als strategischer Vorteil.

Die deutsche Kolonialpolitik war praktisch in jeder Hinsicht ein Fehlschlag, so sah es auch Bismarck später, sie gründete mehr auf einer starken Volksstimmung als auf vernünftigen Überlegungen. Nur so ist wohl zu erklären, dass viele Deutsche den Schutzgebieten noch lange nach ihrem Verlust im Versailler Vertrag nachgetrauert haben.


Autor: Christoph Hasselbach
   
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