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22.1.1863: Aufstand in Polen
Polen gilt für lange Zeit als eine Nation ohne Staat, ringt immer wieder um Anerkennung. 1772 hat das Land rund 30 Prozent an Russland, Österreich und Preußen verloren - die erste polnische Teilung. Die zweite Teilung erfolgt 1793, der Reststaat wird zwei Jahre später aufgelöst. Das sogenannte Kongresspolen, wie das polnische Rumpfland nach dem Wiener Kongress heißt, wird formell mit Russland vereinigt.

Vor allem der Adel und die Intelligenz werden rebellisch, es kommt in den 1830er- und 1840er-Jahren zu einzelnen Aufständen, die jedoch blutig niedergeschlagen werden. In dem von Preußen besetzten Teil kommt es zu ersten Germanisierungsansätzen. Rebellische Polen werden ausgewiesen, Deutsche in Polen angesiedelt und nationale Gegensätze offen ausgetragen.

Aufstand gegen die Fremdherrscher

Junge polnische Intellektuelle laufen zu den Demokraten über und heizen in Russisch-Polen die antirussische Stimmung auf, obwohl Zar Alexander II., der seit 1855 regiert, anfangs noch eine freiheitlichere Politik macht - 1861 wird zum Beispiel die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben. Im selben Jahr beginnt Graf Alexander Wielopolski als Chef der polnischen Zivilverwaltung mit der Repolonisierung, auch im Bildungswesen. Doch den Demokraten reichen diese Reformen nicht aus und am 22. Januar 1863 beginnen polnische Revolutionäre in Russisch-Polen einen schlecht geplanten Aufstand gegen die Fremdherrscher.

Ungeachtet der Proteste Großbritanniens, Frankreichs und Österreichs sichert sich Russland in der mit Bismarck ausgehandelten Alvenslebenschen Konvention im Februar 1863 die preußische Unterstützung im Kampf gegen die polnischen Aufstände. Trotz drückender militärischer Überlegenheit der Russen können sich die Polen bis zum April 1864 behaupten. In einer englischen Karikatur fleht der von polnischen Rebellen bedrängte russische Bär um Amnestie mit den Worten: "Auch wenn ich dein Haus angesteckt und deine Kinder getötet habe, vergebe ich dir, wenn du mich nicht mehr schlägst."

Niederschlagung des Aufstandes

Doch dann schlagen die Armeen des Zaren den Aufstand grausam nieder, es kommt zu Enteignungen und Hinrichtungen. 347 Todesurteile werden vollstreckt. Der Anführer der polnischen Rebellen, Romuald Traugutt, wird in Warschau zusammen mit vier Mitgliedern der damaligen Nationalregierung hingerichtet. Tausende des polnischen Adel, der Intelligenz und der katholischen Geistlichkeit werden zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Wer es noch schafft, versucht auszuwandern.

Es sollte sich um den letzten Versuch der Polen im 19. Jahrhundert handeln, sich von der Fremdherrschaft zu befreien und einen polnischen Nationalstaat zu gründen. Doch von einer politischen Autonomie sind die Polen weiter entfernt als je zuvor, denn erst jetzt beginnt die gezielte Unterdrückung: Der Name 'Polen' verschwindet völlig, das Land wird von Russen nach russischem Recht verwaltet, der Schulunterricht wird in russischer Sprache abgehalten.

Bewahren der nationalen Identität

Im österreichischen Galizien jedoch können die Polen ihre nationale Identität bewahren, indem sie ihre Sprache und ihre Kultur pflegen. 1875, zum zwölften Jahrestag des Januaraufstands, setzen sich Marx und Engels in London für die polnische Sache ein. Friedrich Engels sagt damals: "Das Land, welches zerstückelt und aus der Liste der Völker gestrichen worden ist, weil es revolutionär war, kann nirgends anders sein Heil suchen als in der Revolution. Polen begriff das 1863 und veröffentlichte während des Aufstandes, dessen Jahrestag wir heute begehen, das radikalste revolutionäre Programm, das je im Osten Europas aufgestellt worden ist."

Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als die drei Teilungsmächte Preußen, Russland und Österreich den Krieg verloren haben, bekommt Polen eine Chance und am 11.11.1918 ist es soweit: Zum ersten Mal erklingt die Nationalhymne: "Noch ist Polen nicht verloren (...)".


Autorin: Sabine Ochaba
   
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