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25.12.1989: Rumänischer Diktator erschossen
Es fehlte nur noch der Funke zum Überspringen im unruhigen Monat Dezember in Rumänien: Aufbegehren in den Provinzen, vor allem im Westen des Landes. Der offene Widerstand begann Mitte Dezember in Temesvar, als Hunderte von Angehörigen der ungarischen Minderheit vor dem Haus ihres protestantischen Pastors demonstrierten, die Bukarester Herrschaftsclique wollte den Regimekritikers zwangsweise versetzen. Am Tag drauf sind es Tausende und dann sogar Zehntausende, nun in der Mehrzahl Rumänen.

Die Proteste eskalierten. NikolaeCeausescu persönlich ordnete ihre gewaltsame Niederschlagung an. Von den 58 Toten und 240 Verletzten von Temesvar sollte das Volk allerdings nichts erfahren. Die Leichen wurden zum Teil heimlich verbrannt. Im Fernsehen rechtfertigte der große Conducator wenige Tage später das harte Vorgehen als Verteidigung der staatlichen Institutionen gegen ausländische Agenten und ließ sich für den nächsten Tag eine Jubelkundgebung in der Hauptstadt organisieren.

Vor dem Gebäude des Zentralkomitees in Bukarest sind über 150.000 Rumänen aus ihren Betrieben herangeschafft worden. Ceausescu spricht vom Balkon aus zum Volk. Er kündigt Lohnerhöhungen an, ein bestellter Applaus brandet auf.

Nikolae Ceausescu will den Arbeitern gerade wie üblich danken, als plötzlich Unruhe aufkommt. Es entsteht ein Gedränge, Schreie sind zu hören. Die ersten Kundgebungsteilnehmer laufen davon.

Fassungslos fordert der Redner zur Ruhe auf: "Genossen, kommt zurück auf Eure Plätze."

Doch dieses Mal ist es zu spät. "Temesvar, Temesvar", ruft die Menge dem Diktator entgegen. Panik entsteht. Jetzt ist der Funke auch in die Hauptstadt übergesprungen. In der Nacht demonstrieren Zehntausende auf den Straßen Bukarests.

Am Morgen des 23. Dezember lässt das Zentralkomitee den Ausnahmezustand ausrufen, doch die Armee folgt dem Diktator bereits nicht mehr. Ihm bleibt nur noch, den Hubschrauber zu besteigen. Doch die Flucht endet als Farce. Der Pilot setzt seine Passagiere auf offenem Feld ab.

Nicolae und Elena Ceausescu halten ein Auto an und versuchen so zu entkommen, doch kurz darauf werden sie von den Militärs verhaftet. In Bukarest tobt der Aufstand. Das Fernsehgebäude ist zu diesem Zeitpunkt bereits von Demonstranten besetzt, so erreicht die Revolution endlich das ganze Land.

Der bekannte Lyriker Mircea Denescu wendet sich an die Zuschauer: "Die Armee ist auf unsere Seite, der Diktator geflohen. Wir appellieren an die Kräfte des Innenministeriums, ebenfalls die Waffen niederzulegen und in die Kasernen zurück zu kehren. Das ganze Volk ist mit uns. Wir haben gesiegt."

Via Fernsehübertragung übernimmt "Der Rat der Front der Nationalen Rettung" die Macht. Auf den Straßen wird wild geschossen. Fast 1000 Menschen sterben in den folgenden Tagen und Nächsten. Mit dem Hinweis auf angebliche Ceausescu-treue Terroristen wird die allgemeine Hysterie geschürt; Armee und Securitate beschießen sich vielerorts mit schweren Waffen.

Einer der politischen Nutznießer ist Ion Illiescu, einst Chefideologe der Kommunisten und jetzt an der Spitze der Revolutionäre. Er wird zum neuen starken Mann Rumäniens und unterzeichnet am 25. Dezember jenes Dekret mit dem der Prozess gegen das gestürzte Herrscherpaar befohlen wird.

Das Verfahren in der Garnison Tergovice dauert nur wenige Stunden. Die Anklage lautet auf Unterminierung der Staatsmacht und Völkermord. Die Beschuldigten verweigern die Aussage und beschimpfen die Richter als Verräter. Der verkündet gegen 14.40 Uhr das Urteil:

Zitat: "Das Tribunal verurteilt die Angeklagten Nicolae Ceausescu und Elena Ceausescu im Namen des Gesetzes und des Volkes zur Todesstrafe. Ihr gesamtes Vermögen wird konfisziert. Das Urteil ist sofort vollstreckbar."

Am ersten Weihnachtstag des Jahres 1989 um 14.45 Uhr werden sie in den Hof geführt, die letzten Minuten der Deliquenten schildert Oberst Julian Bu'ero; er leitete damals das Hinrichtungskommando:

Bu'ero: "Unsere Fallschirmjäger haben die beiden abgeführt. Nicolae Ceausesco hat begonnen die Internationale zu singen, und dazu hat er noch gerufen: 'Es lebe das sozialistische, freie Rumänien ohne Verräter.'"

Als das Paar erschossen ist, spielt Radio Bukarest das Lied der Revolution von 1948: "Erwache, Rumäne, aus dem Todesschlaf."

Autorin: Doris Bulau
   
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