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22.12.1894: Urteil Dreyfus-Prozess
"Im Namen des französischen Volkes ist Hauptmann Alfred Dreyfus für schuldig befunden, das Verbrechen des Landesverrats begangen zu haben. Er wird einstimmig zu lebenslänglicher Deportation verurteilt. Das Gericht spricht ihm seinen Rang ab und ordnet die Degradation an." So wurde das Urteil in dem Film "Der Dreyfus-Prozess" von 1930 zitiert.

Drei Tage nur hat das Militärgericht in Paris getagt, das Urteil ist von Anfang an beschlossene Sache. Der vielleicht aufsehenerregendste Justiz-Skandal in der Geschichte Frankreichs nimmt seinen Lauf.

Hochverrat

Begonnen hat alles am 20. Juli 1894: Der französische Infanterie-Major Ferdinand Esterhazy spricht beim deutschen Militärattaché, Oberst Maximilian von Schwartzkoppen, vor und bietet ihm Informationen aus dem Generalstab an, zu dem er lockere Beziehungen unterhält.

Am 1. September liefert Esterhazy ein "Bordereau", ein umfangreiches Memorandum, das am 26. September aber der militärischen Abwehr zugespielt wird. Mit Bestürzung stellt man dort fest, dass es sich um Hochverrat handeln muss, weil der Inhalt des Bordereau intime Kenntnisse des Generalstabs und der Artillerie voraussetzt.

Man macht sich auf die Suche nach möglichen Tätern und stößt auf den Namen von Hauptmann Alfred Dreyfus. Im Film "Der Dreyfus-Prozess" (1930) heißt es dazu: "Wer ist denn dieser Alfred Dreyfus? Man weiß nicht viel von ihm. Ein sehr zurückhaltender, sehr ehrgeiziger Offizier, der außergewöhnlich schnell Karriere gemacht hat. (...) Elsässer von Geburt. (...) Der einzige Jude im Generalstab."

Zu Unrecht verurteilt

Der aus dem elsässischen Mühlausen stammende Dreyfus wird vorgeladen, man lässt ihn einen Schreibtest machen und nimmt ihn fest. Dreyfus wird ins Militärgefängnis von Cherche-Midi eingeliefert. Er versteht nicht, was mit ihm geschieht, und er beteuert seine Unschuld. Ihm wird nicht geglaubt: Im Hof der Militärschule wird Dreyfus am 5. Januar 1895 degradiert, und am 13. April trifft er auf der Teufelsinsel ein, der berüchtigten Gefangenen-Insel in Französisch Guyana.

Fast ein Jahr vergeht, da taucht ein neues Geheimdokument aus der deutschen Botschaft auf, und dieses identifiziert Major Esterhazy. Der neue Geheimdienstchef, Oberstleutnant Georges Picquart - wie Dreyfus Elsässer - nimmt sich des Falls an, und er findet heraus, dass Dreyfus nicht nur zu Unrecht verurteilt, sondern dass er auch noch Opfer einer Verschwörung antisemitischer Offiziere war, die Dokumente fälschten, das Recht beugten und Falschaussagen machten.

Picquart gerät nun selbst in die Schusslinie dieser Offiziere und wird nach Tunesien versetzt. Neue Fälschungen sollen die Schuld von Dreyfus erneut "beweisen". Esterhazy wird zwar angeklagt, aber frei gesprochen.

Begnadigt und rehabilitiert

Intensive Bemühungen der Familie Dreyfus um eine Rehabilitierung des Verurteilten nehmen 1898 eine Wende, als der Schriftsteller Emile Zola sie zu unterstützen beginnt. In "L'Aurore" veröffentlicht Zola am 13. Januar 1898 ein dramatisches Plädoyer für Dreyfus. In dem Film "Der Dreyfus-Prozess" (1930) wird es wie folgt wiedergegeben: " (…) klage das erste Kriegsgericht an, einen Angeklagten ungesetzlich auf Grund eines Geheimdokuments verurteilt zu haben, klage das zweite Kriegsgericht an, diese Ungesetzlichkeit auf höheren Befehl gedeckt zu haben, denn es hat einen Schuldigen wissentlich freigesprochen. Ich erhebe diese Anklage, obwohl ich weiß, dass man mich wegen Verleumdung vor Gericht stellen wird. Ich tue es trotzdem bei vollem Bewusstsein."

Zola kommt vor Gericht, und er wird verurteilt. Er flieht nach England, kommt zurück, wird wieder verurteilt, aber er lässt nicht locker. Picquart ist inzwischen auch inhaftiert. Erst nach politischen Veränderungen und neuen Beweisen für Esterhazys Schuld wird Dreyfus nach Frankreich zurückgeholt. Ein Gericht wandelt seine Strafe in zehn Jahre Haft um, schließlich wird er begnadigt.

Seine Unschuld wird aber erst 1906 von einem Gericht festgestellt, am nächsten Tag wird er wieder in die Armee und wenige Tage später in die Ehrenlegion aufgenommen. Er erwidert nur: "Danken kann ich nicht (...)".


Autor: Peter Philipp
   
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