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11.12.1997: Klima-Protokoll von Kyoto
"Kein internationales Umweltschutz-Abkommen hat jemals so einschneidende Folgen gehabt wie das Kyoto-Protokoll." So könnte es einmal in den Geschichtsbüchern stehen. Denn die vorgeschriebene Reduzierung von Treibhaus-Gasen, allen voran Kohlendioxid, betrifft jeden Industriebetrieb, jeden Autofahrer, jeden Privathaushalt. Und im Kyoto-Protokoll sind konkrete Ziele vorgegeben, wo diese Gase wie stark reduziert werden müssen: bis 2012 im Vergleich zum Stichjahr 1990 acht Prozent in der EU, sieben Prozent in den USA, sechs Prozent in Japan.

Mit Strategie zum Ziel

Christoph Bals war als Klimaschutz-Experte der Nichtregierungs-Organisation 'Germanwatch' auf jedem Klima-Gipfel dabei. Die dramatischen letzten Stunden in Kyoto sind ihm besonders in Erinnerung geblieben: "Der Verhandlungsleiter, Raúl Estrada aus Argentinien, hat am Schluss die Strategie gehabt, die Verhandler so müde zu verhandeln, dass sie so mürbe sind, dass sie am Schluss dann bestimmte Kompromisse, die sie sonst nicht mittragen würden, dann auch mittragen. Es war also dann tatsächlich so, dass ohne Unterbrechung die Nächte durch verhandelt worden ist - dass die Leute ihre kleinen Schlafpausen, in der Delegation abwechselnd, auf dem Tisch während der Verhandlung gemacht haben.

Es kam am Schluss sogar zu solchen Situationen, dass die EU-Verhandlungsleitung für einen kurzen Moment auf der Toilette gewesen ist, und dann ein Punkt, an dem die EU die ganze Zeit blockiert hat, weil sie den nicht drin haben wollte, durchgehämmert worden ist in dieser Zeit - und danach der Verhandlungsleiter gesagt hat: 'Jetzt tut's uns leid, Sie hätten vorhin die Hand heben müssen, der Hammer ist gefallen!'"

Historische Chance unter Zeitdruck

So ein Verfahren funktioniert nur, solange der Wille zur Einigung grundsätzlich da ist. Und den gab es - das merkte man auch am Applaus, als alles vorbei war. Christoph Bals dazu: "Die allermeisten Leute, die dabei gewesen sind, wollten ein Abkommen haben. Und haben die Notwendigkeit, dass man jetzt zusammen bleiben muss, fast wie bei der Papstwahl, bis die Entscheidung getroffen ist, haben die eingesehen.

Und haben andererseits auch gesehen, dass die Flugzeuge bestellt sind; dass die Putzkolonnen an dem Samstag morgens einrücken und der Raum für die nächste Veranstaltung freigemacht werden muss, dass da also ein ungeheurer Zeitdruck da war; dass die Übersetzer nicht mehr weiter bezahlt sind. Das heißt, dass der Zeitdruck wirklich ganz enorm gewesen ist. Und dass man gesehen hat, wenn man jetzt nicht zu einem Ergebnis kommt, lässt man diese historische Chance, zu einer Übereinkunft zu kommen, vorbeirauschen."

Glückliche Voraussetzungen

Die Beschlüsse gehen ans Eingemachte. Und: Klimaschutz kann nicht von ein paar Ländern im Alleingang betrieben werden - es müssen möglichst alle mitmachen. Um die ganzen verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen, ist vor allem vom Tagungspräsidenten einiges an diplomatischem Geschick gefragt - Raúl Estrada in Kyoto war ein Glücksfall, meinte Christoph Bals: "Ich glaube, es hätte viele Verhandlungsleiter gegeben, die diese Verhandlungen an die Wand gefahren hätten. Es war ganz spannend zu betrachten: diese ungeheure Mischung zwischen einerseits Härte und andererseits Humor, die Estrada dabei an den Tag gelegt hat - dass er auch in den letzten Nächten und Tagen immer wieder, jede Stunde mehrmals, den ganzen Saal zu Lachsalven hingerissen hat, wo er viele Attacken durch kurze Witze oder Wortspiele in Lachen aufgelöst hat und damit die Atmosphäre gerettet hat. So etwas ist nicht jedem gegeben."

Die Voraussetzungen für einen Erfolg waren in Kyoto aber schon dadurch gut, dass in wichtigen Ländern, allen voran in den USA, damals mit US-Präsident Bill Clinton und seinem Vize-Präsidenten Al Gore, klimabewusste Regierungen an der Macht waren. Manfred Treber von 'Germanwatch' glaubte, dass dieses Umfeld eine entscheidende Rolle spielte: "Der Druck für ein Ergebnis in Kyoto war so groß, dass sich viele Länder so stark bewegt haben, dass sie danach bereut haben, wie viel sie nachgegeben haben."

Kyoto: Nur ein erster Schritt

So dass alle Klima-Gipfel nach Kyoto von der Suche nach Schlupflöchern bestimmt waren: Wie lassen sich die einmal versprochenen Ziele wieder verwässern? Und die USA haben sich vorerst ganz aus dem Kyoto-Prozess verabschiedet.

Ob mit oder ohne Schlupflöcher: Das Welt-Klima retten die Ziele von Kyoto sowieso noch nicht. Da müssen viel weiter gehende Reduktionen passieren. Kyoto war nur ein erster Schritt. Und hat deswegen seinen Platz in den Geschichtsbüchern auch noch nicht sicher, am 16. Februar 2005 ist das Abkommen in Kraft getreten.


Autor: Thomas Bärthlein
   
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