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10.12.1878: Erstes Krematorium in Deutschland
Wie gehen wir mit unseren Toten um? Diese Frage wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich beantwortet; allen Antworten gemein ist aber, dass man eine Leiche auf eine bestimmte Weise "behandelt". Eine verbreitete Art der Bestattung ist es seit alters her, die Leiche zu verbrennen. Durch archäologische Befunde ist dieser sogenannte Leichenbrand schon in der Steinzeit nachgewiesen.

Die Einäscherung galt aber seit Karl dem Großen im christlichen Europa als unmoralisch und heidnisch - was nebenbei die Inquisition nicht davon abhielt, lebendige Menschen auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Aber das Verbot, eine Leiche zu verbrennen, hielt sich ein Jahrtausend lang.

Gegen das Verbrennungsverbot: theoretisch und praktisch

Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts gingen verschiedene Persönlichkeiten gegen das Verbrennungsverbot an: So hielt etwa der Sprach- und Altertumsforscher Jakob Ludwig Grimm Vorlesungen über "die Verbrennung der Leichen", der preußische Oberstabsarzt Trusen schrieb ein Buch über "Die Leichenverbrennung als geeignetste Art der Totenbestattung", und der Pathologe Rudolf Virchow lobte das Feuer als "das beste und vollkommenste Desinfektionsmittel".

Die Äußerungen stießen zwar in der Öffentlichkeit auf lauten Widerhall, insbesondere wegen der fast panischen Furcht, lebendig begraben zu werden. Aber die praktische Ausführung der Leichenverbrennung scheiterte an den technischen Unzulänglichkeiten der damaligen Zeit.

1867 kam es dann zum technischen Durchbruch: Die Dresdner Firma Friedrich Siemens präsentierte auf der Pariser Weltausstellung eine brauchbare Regenerativ-Gasfeuerung. Das Verfahren stand in keinerlei Beziehung zur Leichenverbrennung, dennoch dauerte es nur kurze Zeit, bis man die Brauchbarkeit auch für diesen Zweck erkannte.

Vorreiter Gotha

Erneut begann die Agitation für die Leichenverbrennung, die man jetzt aus psychologischen Gründen "Feuerbestattung" nannte; auf diese Weise war das neue Verfahren auch von den orientalischen Scheiterhaufen abgegrenzt. Im damaligen Herzogtum Gotha bildete sich nun sogar ein "Feuerbestattungsverein", dem alsbald über 100 Personen beitraten.

Nachdem sich Sachverständige von der Tauglichkeit des Siemens-Apparates überzeugt hatten, wandte sich der Vereinsvorstand 1874 mit einer Denkschrift an das Herzogliche Staatsministerium und bat, die Möglichkeit einer freiwilligen Feuerbestattung einzuführen. Zur Begründung hieß es, dass die Beschaffung geeigneter Beerdigungsplätze immer schwieriger werde, dass es bei Beerdigungen mitunter zu "schädlichen Folgen" für die Überbleibenden kommen könne und dass jetzt mit dem Siemens-Apparat eine "schickliche Bestattung" mit wenig Asche und geringen Kosten möglich wäre.

Das Ministerium teilte indes mit, eine allgemeine Regelung sei nicht geplant, die Einrichtung eines Krematoriums sei ins Belieben der örtlichen Organe gestellt. Der Feuerbestattungsverein wandte sich darauf an den Stadtrat. Der hatte zwar keine prinzipiellen Bedenken, lehnte den Bau eines Krematoriums aber wegen der erheblichen Kosten ab.

Zumindest dieses Problem wurde aber gelöst, als der Verein ausreichend Geld sammeln konnte und eine anonyme Spende über einen sehr hohen Betrag einging - unter der Bedingung, dass am Krematorium eine Erinnerungstafel mit der Aufschrift "Elfriedes Segen" angebracht würde.

Bestattung im neoklassizistischen Krematorium

Natürlich gab es auch Stimmen gegen den Bau des Krematoriums, fast alle anonym, aber die Stimmung in der Stadt war zugunsten des Krematoriums gekippt. Im Frühjahr 1878 wurde mit dem Bau des Krematoriums in neoklassizistischer Architektur begonnen, und am 10. Dezember 1878 konnte dort die erste Einäscherung stattfinden.

Es handelte sich um die Leiche des Zivil-Ingenieurs Karl-Heinrich Stier aus Gotha, der den Bau des Krematoriums maßgeblich vorangetrieben hatte, aber schon ein Jahr vor Vollendung des Baus verstorben war. Testamentarisch hatte er jedoch verfügt, er wolle nur provisorisch beigesetzt werden, damit man seine Leiche nach Fertigstellung des Krematoriums den Flammen übergeben könne.

Bis 1890 blieb Gotha die einzige Stadt Deutschlands mit einem Krematorium. Dementsprechend findet man im gothaischen Bestattungsregister berühmte Namen aus vielen Ländern. Stellvertretend sei hier die Friedenskämpferin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner genannt, deren Asche noch heute in der Urnenhalle, dem sogenannten Kolumbarium, zu sehen ist.


Autor: Carsten Heinisch
   
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