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9.12.1949: Chiang Kai-shek nach Taiwan
"The Man Who Lost China" - "Der Mann, der China verloren hat", so heißt eine Biografie Chiang Kai-sheks. Gemeint war das aus westlicher Sicht, China verloren an die Kommunisten: Der Titel stammt aus dem Kalten Krieg.

Aber, kein Zweifel, auch Chiang Kai-shek selbst muss sich als Verlierer gefühlt haben, als er sich im Dezember 1949 auf die Insel Taiwan absetzte. Chiang Kai-shek war seit jungen Jahren ein Militär - und militärisch war er geschlagen worden.

1911 hatte Sun Yat-sen mit seiner "Nationalen Partei", der "Guomindang", die letzte Kaiserdynastie gestürzt. Mit dabei: der 24-jährige Chiang Kai-shek. Die "Republik China" dominierten zunächst andere: lokale Militärführer, sogenannte Warlords.

Die 1920er-Jahre

In den 1920ern orientierte sich die Guomindang zunächst an Lenins KPdSU, die als Musterbeispiel für eine effektive Partei galt. Da war es nur folgerichtig, dass die Guomindang mit den gerade neu gegründeten chinesischen Kommunisten und sowjetischen Beratern eng zusammen arbeitete.

Einer war schon sehr früh sehr skeptisch: Chiang Kai-shek. Der Antikommunismus sollte seine gesamte politische Laufbahn prägen. 1927 ließ er Tausende von Kommunisten in Shanghai und Kanton ermorden oder verhaften.

1928 hatte Chiang die wichtigsten Warlords besiegt. Er wurde Chef der National-Regierung in Nanjing. Von nun an kämpfte er noch erbitterter gegen die Kommunisten. 1934 zwang er deren Guerilla-Truppen, ihre Basen in Zentral- und Südchina aufzugeben und sich auf den Langen Marsch in den Nordwesten zu machen.

1930er- und 1940er-Jahre

Mittlerweile gab es aber auch immer mehr japanische Übergriffe auf chinesisches Territorium. Ein ihm untergebener General musste Chiang Kai-shek 1936 in Xi'an spektakulär festnehmen, um ihn zu zwingen, gemeinsam mit den Kommunisten gegen Japan zu kämpfen.

Die mangelnde Kampfmoral der Guomindang-Truppen und die Korruption in der Partei machten sie derart unbeliebt, dass die Kommunisten sie im Bürgerkrieg nach 1945 - zur großen Verwunderung aller Beobachter - besiegen konnten.

Den Durchbruch brachte die Schlacht von Xuzhou zum Jahreswechsel 1948/1949. Anfang Mai tauchte Chiang Kai-shek in Taiwan auf und nahm in der Nähe von Taipeh Quartier. Der endgültige Rückzug nach Taiwan war aber wohl schon länger geplant: Bereits im Februar hatte Chiang befohlen, die Goldreserven der Zentralbank nach Taipeh zu bringen.

Bei einer Stippvisite in Kanton im Juli sagte Chiang vor der Führung der Guomindang - selbstkritisch: "Es beschämt mich, jetzt nach Kanton zurückzukehren in einer Situation des Rückzugs, des Scheiterns. Ich muss zugeben, dass ich für einen großen Teil der Niederlage verantwortlich bin. Dass hier, vor der Nase der Regierung, Glücksspiel und Opiumschmuggel blühen, ist entsetzlich. Aber wir müssen Kanton halten, unseren letzten Hafen - den letzten Ort, von dem aus wir Marine und Luftwaffe einsetzen können."

Prägender Konflikt

Doch das waren nur noch Durchhalteparolen, an die Chiang wohl selbst nicht mehr glaubte. Er hatte China verloren. Am 1. Oktober 1949 proklamierte sein Gegner, Mao Tse Tung, in Peking die Volksrepublik.

In Taiwan waren Chiang Kai-shek und die Guomindang auch nicht gerade willkommen. Die Inselbewohner waren zwar Süd-Chinesen, aber bis 1945 war Taiwan mehr als 60 Jahre eine japanische Kolonie gewesen. Die Taiwanesen sahen nicht ein, warum sie sich jetzt wieder neuen Fremd-Herrschern unterwerfen sollten. Schon Anfang 1947 gab es Proteste, auf die der Guomindang-Gouverneur mit einem Massaker reagierte - bis in die 1990er-Jahre sollte das ein Tabu-Thema bleiben.

Der Konflikt prägt noch heute die politische Landschaft in Taiwan: auf der einen Seite die Guomindang-Flüchtlinge und ihre Nachfahren, die in den Jahrzehnten nach 1949 alle Macht monopolisierten - sie stellen ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung. Und auf der anderen Seite die große Mehrheit der alt eingesessenen Taiwanesen, die mit den demokratisch gewählten Präsidenten Lee Teng-hui (1988-2000) und Chen Shui-bian (2000-2008) die Macht übernommen hatten.

Am Ende doch nicht verloren?

Chiang Kai-shek war von 1950 bis zu seinem Tod 1975 noch einmal Präsident der "Republik China". Auch auf der Insel hielt er an der Fiktion fest, die eigentliche, rechtmäßige Regierung Chinas zu leiten. Innenpolitisch blieb Chiang Kai-shek ein autoritärer Herrscher. Die Demokratisierung auf Taiwan zuzulassen, das blieb seinem Sohn und Nachfolger Jiang Jingguo (1978-1988) vorbehalten.

Doch aus ein paar Fehlern auf dem Festland hatte Chiang Kai-shek gelernt: In Taiwan führte die Guomindang eine Landreform durch, die zusammen mit großzügiger US-Wirtschaftshilfe den Grundstein für Taiwans Wirtschaftswunder legte. Fünfmal so hoch wie auf dem Festland war der Lebensstandard, als Chiang Kai-shek 1975, ein Jahr vor Mao, starb.


Autor: Thomas Bärthlein
   
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