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3.12.1978: "Boat People" kommen nach Deutschland
"Die Hai Hong kurz vor der Ausschiffung der ersten Flüchtlinge, die in die Bundesrepublik fliegen werden. Das Schiff ist von Polizeibooten stark bewacht. Niemand darf sich ohne Erlaubnis nähern. Noch immer sind die Decks übervölkert, drängen sich die Flüchtlinge an der Reling. Die Auswahl der insgesamt 644 Flüchtlinge verlief reibungslos. Die Vietnamesen hatten von sich aus Lose gezogen, die Reihenfolge der Antragsteller selber bestimmt. Obwohl keiner der Flüchtlinge der deutschen Sprache mächtig ist, war der Andrang, in die Bundesrepublik zu gehen, groß. 208 Familien wurden ausgewählt. Oft fehlen allerdings die Männer. Sie haben ihre Frauen, Kinder und die Großeltern vorgeschickt, da das Geld für die Passage aller Angehörigen fehlte."

Ein deutscher Reporter auf der Hai Hong. Zwei Monate hat die Irrfahrt des abwrackreifen Frachters mit 2500 vietnamesischen Flüchtlingen an Bord - so genannten "Boat People" - gedauert. Vergeblich hat der Kapitän eine Anlaufstelle in den umliegenden südostasiatischen Ländern gesucht; dort leben schon mehr als 60.000 Flüchtlinge in Lagern.

Der Massen-Exodus ist eine Folge des kommunistischen Siegs im Vietnam-Krieg. Eine Million Menschen hat das neue Regime aus ideologischen Gründen in "Umerziehungslager" gesteckt.

70 Prozent der Asylsuchenden gehören zur chinesischen Minderheit in Vietnam, denn die traditionelle Dominanz der Chinesen im privatwirtschaftlichen Sektor passt nicht in die sozialistischen Visionen der Regierung. Viele Vietnam-Chinesen fliehen nach Südchina, andere sind so verzweifelt, dass ihnen nur die Flüchtlingsboote als Ausweg erscheinen.

Malaysia und Thailand schicken viele Schiffe aufs Meer zurück, so dass vermutlich Tausende von Flüchtlingen umkommen. Die Fernsehbilder vom Elend auf der Hai Hong bringen schließlich den Durchbruch. Mehrere westliche Länder, darunter auch die Bundesrepublik, erklären sich bereit, die Vietnamesen aufzunehmen.

Am 3. Dezember 1978 treffen die ersten Flüchtlinge auf dem Flughafen Hannover ein. Dort begrüßt sie Ernst Albrecht. Der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen hat sich besonders für die Aufnahme der Boat People engagiert.

Ernst Albrecht: "Wir wissen, was an Leid und was an Strapazen hinter Ihnen liegt, und wir können Ihnen nachfühlen, wie Ihnen jetzt zumute ist. Sie kommen jetzt in ein Land, in dem Sie frei leben können, ohne von irgendjemandem unterdrückt zu werden. Sie kommen in ein Land, in dem Frieden herrscht, und wir sind dankbar dafür, dass wir in Frieden leben dürfen. Sie kommen in ein Land, in dem niemand Not zu leiden braucht, materielle Not, in dem niemand zu frieren braucht, in dem niemand ohne Wohnung zu leben braucht. Und Sie kommen vor allem in ein Land, und das möchte ich Ihnen heute sagen, in dem Sie keine Furcht zu haben brauchen, sondern in dem Sie nun mit Zuversicht und Mut an den Neuaufbau Ihres Lebens herangehen können."

Noch versteht keiner der Neuankömmlinge deutsch. Aber vor allem die Kinder gewöhnen sich schnell an die neue Sprache - auch wenn einige Klänge noch ungewohnt sind...

Insgesamt 35.000 Flüchtlinge aus Südostasien hat Deutschland 1978 und in den folgenden Jahren aufgenommen. Heute gehören sie sicher zu den am besten in Deutschland integrierten Ausländer-Gruppen.

Aber das war damals noch nicht vorauszusehen. Denn die Boat People waren die erste größere Gruppe von Einwanderern, die aus dem nichteuropäischen Ausland kamen. Viele waren skeptisch, ob sie wirklich nach Deutschland passten.

"Zuflucht - keine Heimat" stand 1978 und 1979 noch über den ersten Berichten. Oder auch: "Vietnamesen Land kaufen!" In der "Kölnischen Rundschau" hieß es unter dieser Schlagzeile Anfang 1979:

"Die Vietnam-Flüchtlinge sollten nach Ansicht des CDU-Bundestagsabgeordneten Gerhard Reddemann in einem menschenleeren Territorium in Asien angesiedelt werden, das von den Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft gemeinsam zu pachten sei."

In der Bevölkerung hingegen überwog die spontane Hilfsbereitschaft. Die Bilder der ersten Vietnamesen-Kinder unter deutschen Weihnachtsbäumen 1978 bewegten viele. Zwei Kölner Firmen stifteten eintausend Evakuierungsflüge für Vietnamesen. In Köln, wie in vielen anderen Städten auch, erklärten sich deutsche Familien bereit, Flüchtlinge in ihren Wohnungen aufzunehmen.

Autor: Thomas Bärthlein
   
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