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2.11.1917: Die Balfour Erklärung
"Lieber Lord Rothschild, ich freue mich, Ihnen im Namen der Regierung Seiner Majestät die folgende Sympathieerklärung für die jüdisch-zionistischen Bestrebungen mitteilen zu können, die dem Kabinett vorgelegt und von diesem gebilligt wurde. Die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk wird von der Regierung Seiner Majestät mit Wohlwollen betrachtet. Sie wird ihr Bestes tun, um das Erreichen dieses Zieles zu erleichtern, wobei unmissverständlich zu betonen ist, dass nichts getan werden darf, was die Bürgerrechte und religiösen Rechte der in Palästina lebenden nicht-jüdischen Bevölkerung oder die Rechte und den politischen Status der Juden irgendeines anderen Landes nachteilig betrifft."

Ein Brief vom 2. November 1917, unterzeichnet von Arthur James Balfour, zu jener Zeit Außenminister Großbritanniens, der weitreichende Folgen für den Nahen Osten haben soll.

Lord Rothschild und andere führende Vertreter der jüdischen Gemeinde, vor allem aber die Zionisten in Großbritannien, haben eigentlich mehr erwartet. Seit mindestens 19 Jahren, seit dem Zionisten-Kongress in Basel 1898, suchen sie ein Versprechen, dass Juden das Recht auf einen eigenen Staat zugesprochen bekommen. So, wie Theodor Herzl es in seinem programmatischen Buch "Der Judenstaat" entworfen hat.

Der von Herzl begründete politische Zionismus geht davon aus, dass die Juden ein Volk sind und nicht nur eine Religionsgemeinschaft, und dass die immer wieder erlittene Verfolgung, Unterdrückung und Benachteiligung am besten verhindert werden, wenn Juden Staatsvolk in einem eigenen Staat werden.

Wo dieser Staat liegen sollte, das ist zunächst von zweitrangiger Bedeutung: Da gibt es die Idee, Juden in Argentinien anzusiedeln, oder es gibt das "Uganda-Projekt", die Gründung eines jüdischen Staates im britisch verwalteten Uganda.

Im Zentrum aber steht immer schon auch Palästina, das eigentliche Ursprungsland der Juden. Dort haben Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, Land aufzukaufen und sich niederzulassen, obwohl sie zu Beginn des Ersten Weltkrieges, 1914, gerade eben 15 Prozent der 690.000 Einwohner Palästinas ausmachen: 535.000 waren Moslems, 70.000 Christen und 85.000 Juden.

Der Brief von Außenminister Balfour spiegelt nicht etwa eine vorbehaltlose Unterstützung der Zionistischen Bewegung wider, sondern eher machtpolitische Interessen Londons in der Region:

Der Erste Weltkrieg ist im Gange und Großbritannien erhofft sich in seinem Kampf gegen das Osmanische Reich in Nahost die Unterstützung der Juden in Palästina wie auch - über Juden in der Diaspora - die Unterstützung anderer Länder, darunter besonders der USA. So verspricht London, was es eigentlich gar nicht versprechen kann: Eine nationale Heimstätte für Juden in einem Gebiet, das es noch gar nicht kontrolliert.

Die Verantwortung für Palästina wird Großbritannien erst am 24. Juli 1922 übertragen in Form eines Mandats des Völkerbundes, und ein Teil der Balfour-Erklärung findet Eingang in die Präambel des Mandatsvertrages. Aber bald erweist sich dies als Fessel bei der Verwaltung der Region: Der Widerstand der Palästinenser gegen die jüdische Einwanderung hat längst begonnen, er nimmt von Jahr zu Jahr zu und führt unter anderem zu anti-jüdischen Pogromen.

Großbritannien sitzt zwischen den Fronten. Jahrelang versucht es, beide Seiten von Gewalt abzuhalten, versucht aber auch in zunehmendem Maße, die jüdische Einwanderung zu begrenzen. 1939 wird festgesetzt, dass nur noch 75.000 weitere Juden einwandern dürften. Vor dem Hintergrund der Judenverfolgung unter dem Nationalsozialismus eine völlig unrealistische Entscheidung. Und ab 1944 soll die Einwanderung schließlich ganz unterbunden werden, um sich die Unterstützung der Araber in Palästina zu sichern.

Noch vor der Übertragung des Mandats, stellt Großbritannien im Juni 1922 freilich klar, dass es die Balfour Erklärung nie als Zusage zur Schaffung eines jüdischen Staates betrachtet habe. Der damalige Kolonialminister Winston Churchill stellt fest, dass nicht vom gesamten historischen Palästina die Rede sei, sondern nur von dem Teil westlich des Jordan, und dass nie daran gedacht worden sei, Juden in diesem Gebiet die Oberhoheit über andere Einwohner zu geben. Die bereits dort lebender jüdische Gemeinde solle sich lediglich weiter entwickeln können.

Positionen, die London auf Dauer nicht aufrechterhalten kann. Zwischen Juden und Arabern kommt es immer häufiger zu Kämpfen. Die Uno beschließt 1947 die Teilung Palästinas westlich des Jordan und Großbritannien gibt sein Mandat im Mai 1948 auf. Zur selben Stunde wird der jüdische Staat Israel ausgerufen.

Autor: Peter Philipp
   
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