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7.2.1929: Berlin Alexanderplatz
Ein rauer Wind weht in der politischen Wirklichkeit der Weimarer Republik, doch um so glanzvoller ist ihre Kultur: die 1920er sind geprägt vom Bauhaus-Design und dessen Architektur, der Siegeszug der Elektrizität und der Technik beginnt. Im Oktober 1929 erscheint die erste Auflage von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz". Er erreicht Weltruhm. Einsam steht er bis heute in den Literaturgeschichtsbüchern, als erster und vielleicht einzig bedeutender deutscher Beitrag zum so genannten Großstadtroman.

Im Verlauf der Geschichte baut sich ein Bild, ein Abdruck von der Stadt auf. Montageartig erzählt, berichtet, dokumentiert und zitiert Döblin: Wetterberichte, Schauplätze, Schicksale - von Menschenmassen und Massenmedien. Aus den Texten und Diskursen des Romans entsteht die Stadt:

"Rumm rumm haut die Dampframme auf dem Alexanderplatz. Sie ist ein Stock hoch, und die Schienen haut sie wie nichts in den Boden."
"Eisige Luft. Februar. Die Menschen gehen in Mänteln. Wer einen Pelz hat, trägt ihn, wer keinen hat, trägt keinen. Die Weiber haben dünne Strümpfe und müssen frieren, aber es sieht hübsch aus."

Döblin behandelt Berlin als soziologisches Phänomen, genauer gesagt: er beschreibt das Leben im Osten Berlins. Gleichzeitig wird dabei ganz konkret die Geschichte vom Transportarbeiter Franz Biberkopf erzählt, der versucht, sich im Großstadtdschungel zurecht zu finden. Ende der "goldenen Zwanziger", die nur für wenige golden waren, hat er grade seine Haftstrafe im Gefängnis Tegel abgesessen. Er beschließt, von nun an anständig zu leben, ehrlich zu bleiben.

Das Schicksal des Romanhelden wird 1931 mit Heinrich George als Franz Biberkopf verfilmt, und so steht dieser zunächst zwischen Alexanderplatz und Brunnenstraße als Straßenverkäufer und brüllt:

"Treten Sie nur näher, meine Herrschaften, treten Sie immer nur näher hier, meine Herrschaften, warum trägt der feine Mann im Westen Schleifen und der Prolet trägt keine, warum trägt der Prolet keine Schleifen - weil er sie nicht binden kann. Da muss er sich einen Schlipshalter kaufen. Also treten Sie mal dichter zusammen, meine Herrschaften - 1 Stück 20; drei Stück 50."

Als öffentlicher Platz zeugt "der Alex" von den Veränderungen, durch die die Stadt im Laufe des Jahrhunderts gegangen ist. Auch Harry Tresenreuter, gebürtiger Berliner und Jahrgang 1923, verbrachte seine Kindheit in der Umgebung des Platzes im Osten der Stadt:

"Nun ist natürlich der Alexanderplatz von damals überhaupt nicht zu vergleichen mit dem heutigen, denn er war zu meiner Zeit eine einzige Baustelle. Es wurde am Alexanderplatz nur gebuddelt, alles war aufgerissen; überall tiefe Schächte und und und. Es war ja nicht das eigentliche Zentrum Berlins, nicht das finanzstarke Zentrum Berlins, es war eigentlich schon die Gegend, wo die ärmere Gegend anstieß. Also in meinen Augen hatte ich nie eine Liebe zum Alexanderplatz."

Ursprünglich diente der so genannte "Ochsenplatz" dem Viehhandel, erst 1805 wird er in Alexanderplatz umbenannt. Dementsprechend schreibt Döblin: "Dem Menschen ist gegeben die Vernunft, die Ochsen bilden statt dessen eine Zunft."

Doch hält Döblins Romanfigur Biberkopf es an dieser Stelle der Erzählung noch nicht mit der Vernunft. Er schließt sich der Zunft einer Verbrecherbande an. Erst ganz tief muss er fallen: alles, alles wird ihm genommen: der rechte Arm, die Geliebte, der Verstand, bis er schließlich äußerlich und innerlich arg ramponiert, aber letztendlich geläutert scheint:

"Schnauze meine Herrschaften, Schnauze halten, halten Sie die hochverehrte Schnauze, meine Herrschaften - denn jetzt kommt der Clou, jetzt spitzt Berlin die Ohren, jetzt hält Berlin den Atem an - sehen Sie mal, Sie und ich und ick, wir sind alle schon mal im Leben aus den Pantinen gekippt - da heißt es Bauch rein und Brust raus und rasch wieder auf die Beine - denn auf den Beinen steht der Mensch - solange er noch zwei Beine hat. Aber auf die Beine kommt's nicht an - und auf den Arm kommt's auch nicht an, nur, was er hier im Brustkorb hat."

Die Geschichte von Franz Biberkopf endet hier. Zwei Wochen nach Erscheinen des Romans bricht mit dem Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse die Weltwirtschaftskrise aus. Das Ende der Weimarer Republik naht. Der Alexanderplatz wird im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört, die Geschichte Berlins nimmt ihren Lauf. Nach Döblin hat bis heute keiner mehr im deutschen Sprachraum moderne Großstadtrealität einfangen können.

Autorin: Maren Pohland
   
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