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9.7.1994: Kitzsteinhorn-Bahn saniert
November 2000. In den Alpen hat die Ski-Saison begonnen. Rund um das 3200 Meter hohe Kitzsteinhorn liegt eines der größten und schneesichersten Skigebiete Österreichs. Die Gletscher sorgen das ganze Jahr über für ungetrübten Ski-Spaß. Auch in diesem Jahr rechnet der Direktor der Tourismusgemeinde Kaprun wieder mit steigenden Besucherzahlen. Doch dann kommt alles ganz anders.

Als am 11. November die Kitzsteinhorner Gletscherbahn ihren Betrieb aufnimmt, herrscht bereits reger Andrang an der Talstation. Mehrere Skigruppen drängen sich in den ersten Wagen, der an diesem Tag auf den Berg fährt.

Als die Türen des Gletscherdrachens - so der Name des Wagens - pünktlich um 8.30 Uhr schließen, haben sich rund 180 Personen in voller Skiausrüstung in die Bahn gequetscht. Erst langsam, dann mit einem Tempo von rund zehn Metern pro Sekunde, geht es nach oben. Nur neun Minuten dauert die Fahrt zur Bergstation.

Nach einem kurzen Stück unter freiem Himmel taucht der Wagen in einen Tunnel ein - der größte Teil der rund vier Kilometer langen Strecke verläuft unterirdisch. Auf halbem Weg kreuzen sich Bahn und Gegenbahn. Wie bei vielen Standseilbahnen gibt es auch am Kitzsteinhorn zwei Wagengruppen, von denen die eine talwärts, die andere gleichzeitig auf den Berg hinauf fährt.

Wie gewöhnliche Bahnen rollen auch sie auf Schienen, sind aber über ein Seil verbunden. Und wie schon seit 26 Jahren verläuft auch diese Fahrt unfallfrei: Als sich die Türen des Gletscherdrachens in der Bergstation öffnen, drängen die Skifahrer ungeduldig heraus. Ebenso ungeduldig warten die Touristen im Tal darauf, dass sie ihre Bahn nach oben bringt.

Erst vor zwei Monaten hatten die Betreiber der Kitzsteinhornbahn die Anlage überprüft. Alle Aggregate funktionierten einwandfrei, trotz ihres Alters war die Bahn in tadellosem Zustand. Eröffnet wurde die Gletscherbahn im März 1974. Damals galt sie als technische Meisterleistung und wurde als Aushängeschild der österreichischen Ingenieurskunst gefeiert, schließlich war es die längste und auch erste Standseilbahn, die den größten Teil durch einen Tunnel fährt.

Dabei überwindet die Bahn einen Steigungswinkel von 45 Grad. Gezogen werden die Bahnen von einem fünf Zentimeter dicken Stahlseil, ein 3200 PS starker Motor an der Seilwinde sorgt für eine zügige Fahrt. Bei der Routineüberprüfung war alles in Ordnung gewesen. Warum sollte man sich auch Sorgen machen? Schließlich war erst am 9. Juli 1994 die Anlage generalüberholt worden.

Die beiden Züge mit den Namen Gletscherdrachen und Kitzsteingams wurden damals neu in den Dienst gestellt. Sie waren in Leichtbauweise konstruiert worden und bestanden fast vollständig aus Materialien, die nur schwer entflammbar sind. Als der TÜV damals die Betriebsprüfung vornahm, waren keine Unregelmäßigkeiten festgestellt worden.

Gegen 9.00 Uhr setzt sich die vollbesetzte Kitzsteingams in Bewegung. Es ist die zweite Bergfahrt an diesem Tag. Die 165 Passagiere können nur kurz das Bergpanorama bewundern, bevor sie in den Tunnel einfahren. Kaum sind sie drin, geht alles sehr schnell: Die Bahn bleibt plötzlich stehen, beißender Rauch breitet sich aus, Flammen schlagen empor.

Die Insassen versuchen, die Türen der Kitzsteingams zu öffnen, doch sie bleiben verschlossen. Dass sich die Türen von innen nicht öffnen lassen, wird erst später bekannt. Auch verzweifelte Schläge gegen die Scheiben bringen das Glas nicht zu Bruch. Erst später wird bekannt, dass die Scheiben aus fast unzerbrechlichem Plexiglas sind.

Panik bricht unter den Passagieren aus. Nur wenigen gelingt es, irgendwie die Scheiben so weit aufzuschlagen, dass sie hindurchkriechen können. Doch viele fliehen nach oben, weg vom Brandherd, der am unteren Teil es Wagens ausgebrochen ist. Für diese Menschen wird die Flucht zum Verhängnis. Durch die Thermik im Tunnel breitet sich der Brand wie in einem Kamin aus, die Steigung des Berges beschleunigt dabei den entstehenden Luftzug.

Der hochgiftige Rauch, der durch verbrennende Kunststoffe entsteht, nimmt den Fliehenden nach nur wenigen Atemzügen das Bewusstsein. Retten kann sich nur, wer bergab flüchtete, durch den Rauch hindurch, an der Bahn vorbei ins Freie. Das Inferno am Kitzsteinhorn überleben nur zwölf Passagiere. Die Kitzsteingams als auch der Gletscherdrachen, der ebenfalls im Tunnel feststeckte, verbrennen bis auf das Gerippe.

Noch immer sind die Untersuchungen nicht abgeschlossen, ist die genaue Ursache der Brandkatastrophe unklar. Vermutet wird, dass die Hydraulikflüssigkeit durch ein heiß gelaufenes Radlager entzündet worden sein könnte.

Wäre aber beim Bau der Gletscherbahn 1974 oder bei der Generalüberholung im Juli 1994 daran gedacht worden, die Sicherheitsmaßnahmen entlang der Strecke zu verbessern, hätten vielleicht mehr Menschen überlebt. Es fehlten sowohl Fluchträume als auch Parallelstollen, in die sich die Passagiere hätten retten können.

Noch 2001, Monate nach dem Unglück, steht die Standseilbahn am Kitzsteinhorn still. Die Bahn, die bei ihrer Einführung als erste Berg-U-Bahn der Welt präsentiert wurde und als Vorzeigeobjekt galt, ist zum Fluch für eines der schönsten Skigebiete Österreichs geworden.

Autor: Peter Koppen
   
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