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29.9.1913: Rudolf Diesel ertrinkt
Am 29. September 1913 schrieb der deutsche Ingenieur Rudolf Diesel aus Antwerpen an seine Frau: "Es ist sommerlich warmes Wetter, nicht ein Lüftchen regt sich. Die Überfahrt scheint gut werden zu wollen."

Die Überfahrt, das war die nächtliche Schiffsreise über den Ärmelkanal nach Harwich. In England wollte Diesel den Neubau einer Fabrik für seinen Motor einweihen. Aber Diesel sollte nie in Harwich ankommen. Das Bett in seiner Kabine war unberührt, er selbst auf dem Schiff unauffindbar. Man nahm an, er sei auf unerklärliche Weise über Bord gefallen.

Das Vorkommnis erschütterte die Öffentlichkeit. Rudolf Diesel war bei seinem Tode durch den von ihm erfundenen selbst zündenden Motor auf der Höhe seines Ruhmes. In Dutzenden von Maschinenfabriken in ganz Europa und den Vereinigten Staaten wurde sein Motor hergestellt, mit dem Ertrag der Lizenzen war Diesel zum Millionär geworden.

Ein Unfall konnte es nicht gewesen sein, als Diesel über Bord ging, denn die See war ruhig in der Nacht des 29. September. Hässliche Gerüchte wurden laut. Man hörte von erbitterten Feinden Diesels, von Zwistigkeiten zwischen England und Deutschland, von unruhigen Ölproduzenten, denen der Dieselmotor zu wenig Kraftstoff verbrauchte. Damals überschlugen sich die Zeitungen in ihren Mutmaßungen. Die Schlagzeilen lauteten von "Den Erfinder in die See geworfen, um Verkauf der Patente an die englische Regierung zu verhindern." Über "Schöpfer des Dieselmotors hingerichtet als Verräter, um U-Boot-Geheimnisse zu sichern." Oder "Diesel von Agenten großer Öltrusts ermordet." Bis hin zu: "Englischer Geheimdienst beseitigt Diesel." Eine absurde Vermutung jagte die andere, und alle diese Mutmaßungen wurden für bare Münze genommen.

Die Wahrheit - oder das, was man heute für die Wahrheit hält - war viel banaler: Rudolf Diesel war zum Zeitpunkt seines Todes fast völlig ruiniert. Diese Wahrheit wollte er seiner Familie vielleicht nicht zumuten, und den Ruin konnte er, der in einfachen Verhältnissen erzogen worden war, vielleicht nicht verkraften.

Im Jahr 1891, ein Jahr, bevor er das Patent auf seinen Motor erhielt, hatte er an seine Mutter geschrieben: "Ich beabsichtige, schon bald mit dem Resultat meiner zwölfjährigen Arbeit hervorzutreten und hoffe, Erfolg zu erringen. Zwölf Jahre lang habe ich mit Aufopferung eine Blume gepflegt. Jetzt will ich sie pflücken und ihren Duft genießen."

Und er genoss reichlich. Das Geld aus den Lizenzen floss, er führte einen großbürgerlichen Haushalt, ließ sich und seine Frau in Öl malen, man hatte eine teure Mietkutsche, einen Diener und eine Gouvernante für die Kinder.

Aber weil vom Patent bis zum ersten wirklich lauffähigen Versuchsmotor fünf lange Jahre vergingen, wurden die Geldgeber unruhig. Statt sich intensiv um die Verbesserung und Reifung seines Motors zu kümmern, rackerte sich Rudolf Diesel mit der Mehrung seines Reichtums ab. Er verkaufte immer weitere Lizenzen, gründete immer neue Motorenwerke und versank in hektischer Betriebsamkeit.

Mit seinen Aktivitäten ruinierte er seine Gesundheit, die Abwehr einer Patentanfechtungsklage zehrte an ihm und einen großen Teil seines Kapitals hatte er in unsichere Papiere investiert und verloren. Und 1913 überstiegen die Ausgaben für den aufwändigen Lebensstil die Einnahmen bei weitem. Aber von diesen Schattenseiten seines Lebens hielt er die Familie fern.

Niemand weiß mit Sicherheit zu sagen, was Rudolf Diesel dachte, als er am 29. September Antwerpen verließ und das Schiff die offene See erreichte. Aber alles deutet darauf hin, dass er, die Schande des Ruins vor Augen, den Freitod wählte und über Bord sprang.

Zwei Wochen nach dem Vorfall fanden die Matrosen eines Lotsenboots nahe der belgischen Küste die Leiche eines Mannes, schon in Auflösung begriffen. Die Matrosen entnahmen den Kleidern des Toten einige Gegenstände - Papiere waren nicht vorhanden - und warfen die Leiche wieder über Bord: Es sei "nicht üblich", Tote an Bord zu nehmen, würde der Kapitän später sagen.

Anhand der Gegenstände wurde der Tote als Rudolf Diesel identifiziert, eine Sterbeurkunde ausgestellt. Die Leiche aber wurde nie wieder gefunden.

Autor: Carsten Heinisch
   
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