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12.9.1974: Haile Selassie gestürzt
Willy Brandt: "Als Mensch und als Staatsmann genießen Sie in der ganzen Welt, so auch bei uns Deutschen, Achtung und Bewunderung. Ihre Anwesenheit ist nicht nur Ausdruck der guten Wirtschaftlichen Beziehung, sondern sie unterstreicht auch die Gemeinsamkeit unserer Überzeugungen im Streben nach mehr Gerechtigkeit in dieser Welt."

Herbst 1973 in Bonn. Bundeskanzler Brandt heißt seinen Gast, Kaiser Haile Selassie, bei einem Staatsbankett willkommen. Während der äthiopische Gast in höchsten Tönen vom Bundeskanzler gelobt wird, kämpfen Hunderttausende von Äthiopiern am Horn von Afrika mit dem Hunger. Das Lob des Kanzlers während des Empfangs nimmt Selassie dennoch mit der ihm eigenen Selbstverständlichkeit entgegen.

Selassie: "Äthiopien macht alle Anstrengungen, um die wirtschaftliche und soziale Entwicklung voranzutreiben. Äthiopien hat einen Fünfjahresplan aufgestellt. Zu seiner Erfüllung leistet die Bundesrepublik Hilfe und Zusammenarbeit. Dafür ist das äthiopische Volk dankbar."

Fraglich ist indes, in wiefern das äthiopische Volk tatsächlich von der Hilfe profitiert. Während sich der kleine Mann mit hagerem Gesicht seiner Lieblingstätigkeit widmet - der Reisediplomatie - gärt der Unmut in Äthiopien wegen Hunger und einer vermuteten Selbstbereicherung der Kaiserlichen Familie.

Haile Selassie wird 1892 als Ras Tafari Makonnen im Südosten Äthiopiens geboren. Als junger Mann geht der Fürstensohn an den kaiserlichen Hof nach Addis Abeba. Dort lernt der überaus intelligente Adlige das Einmaleins der Macht. Intrigen, Einflussnahmen aus Europa und die Spannungen des Vielvölkerstaates spiegeln sich am Hofe Kaiser Meneliks II.

Durch seinen ausgeprägten Machtinstinkt und die Fähigkeit mit den wichtigen Größen des Landes zu paktieren - in seinem Falle die Kirche - gelingt es ihm, sich 1930 gegen den Kaiserenkel durchzusetzen. Ras Tafari Makonnen besteigt den Thron und wird Haile Selassie - auf Deutsch: Macht der Dreifaltigkeit. Sein voller Titel von nun an: König der Könige, Auserwählter Gottes, siegreicher Löwe von Juda und Kaiser von Äthiopien.

Die Politik des kleinen Mannes mit überschwänglichem Namen verfolgt drei Ziele: Die Zentralisierung des Landes, die Stabilisierung seiner Macht und die Modernisierung der mittelalterlichen Strukturen.

Von 1935 bis 1941 wird seine Regentschaft unterbrochen. Mussolinis Truppen marschieren ein und vertreiben den Kaiser. Nach sechs Jahren findet die faschistische Herrschaft im damaligen Abessinien ihr Ende. Britische Truppen besiegen die Italiener. Der Löwe von Juda kehrt unter Jubel in sein Land zurück.

Was er nun anpackt, erscheint sinnvoll: Schulen, Krankenhäuser, Wasserleitungen werden gebaut und unzählige Experten aus dem Ausland nach Äthiopien geholt. Andererseits schickt er die jungen Leute für ein Studium nach Europa und die USA. Auch in der internationalen Politik setzt er Akzente. Er ist der Vater der Organisation Afrikanischer Einheit OAU.

Doch, bei alle dem bleibt Haile Selassie Autokrat und spricht seinem Volk jeglichen Sinn für ein demokratisches Verständnis ab.

Zitat: "Der König weiß, was das Volk braucht, das Volk weiß es nicht."

Äthiopien, freue dich in deinem Gott, Macht ist in deinem König. Die Hymne, die das feudale Äthiopien nach innen wie nach außen repräsentiert, wird bald verklingen. In den 60er, besonders aber in den 70er Jahren, murrt das Volk, allen voran das Militär. Der Sold bleibt aus. Außerdem ist die Lebensmittelversorgung wegen kaiserlicher Misswirtschaft nicht mehr gewährleistet. In der Provinz Wollo hungern Hunderttausende von Menschen.

Der Kaiser hingegen schwelgt in Luxus. Die Feudalmonarchie ist in ihrer eigene Vetternwirtschaft und Korruption erstarrt. 1974 wittert das machthungrige Militär seine Chance. Es beginnt einen Umsturz auf Raten.

Schritt um Schritt wird der Kaiser entmachtet, zuletzt verliert er entscheidende Vollmachten als oberster Richter des Landes, außerdem wird sein Kronrat aufgelöst. Seine Absetzung als Kaiser am 12. September 1974 ist dann nur noch Formsache.

Was dem Greis bleibt, ist ein spärlich möblierter und abgeriegelter Flügel seines Palastes. Dort stirbt er 1975 im Alter von 83 Jahren unter ungeklärten Umständen. Die Militärs sind längst an der Macht. Es wird nicht mehr lange dauern und die Diktatur des Mengistu Haile Miriam nimmt ihren Lauf.

Autor: Oliver Ramme
   
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