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10.9.1969: Spaltung der Evangelischen Kirche
20 Jahre nach der Spaltung Deutschlands besiegelte die Wahl Albrecht Schönherrs zum Vorsitzenden des neuen "Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR" am 10. September 1969 auch die Existenz zweier Evangelischer Kirchen. Schönherr, ein Schüler Dietrich Bonhoeffers, steht dem Bund bis zu seiner Pensionierung 1981 vor. Der Altbischof über die Ursachen der Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR:

Schönherr: "Ja, das war natürlich eine Folge der ganzen Politik des kalten Krieges, der Mauer und der damit gegebenen Spaltung auch der einzelnen Geschicke der einzelnen Kirchen. Die Kirchen hier hatten ganz andere Probleme als die Kirchen im Westen."

Beide deutschen Teilstaaten sind in ihre jeweiligen Machtblöcke integriert. Die Bundesrepublik wird in die Gruppe der freiheitlichen parlamentarischen Demokratien des Westens integriert.

Die DDR aber erfährt unter dem Einfluss der Sowjetunion eine tief greifende gesellschaftliche Umgestaltung. Vor allem die Mitglieder der Ost-Kirche bekommen nach der Staats-Gründung die stalinistischen Restriktionen der DDR-Regierung zu spüren. Ideologische und politische Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Staat enden in der DDR häufig mit Gefängnisstrafen für engagierte Christen.

Erst in den 1960er Jahren ändert die DDR-Obrigkeit ihr Verhalten gegenüber der Kirche; Kirchenvertreter haben es jetzt leichter. Doch versucht die DDR-Regierung nun über eine Politik der Abgrenzung, sich gegenüber Westdeutschland zu legitimieren, indem man starken Druck auf die engen Beziehungen zwischen den Kirchen in Ost und West ausübt. Die Evangelische Kirche in Deutschland wird mehr und mehr in den Systemgegensatz beider Staaten hineingezogen.

So wirkt sich 1957 der Abschluss eines Militärseelsorgevertrages zwischen den noch zur "EKD" vereinten evangelischen Kirchen in Deutschland und der Bundesrepublik sehr negativ auf das Verhältnis zwischen Staat und Kirche aus. Er hat zur Folge, dass die offizielle Bindung zwischen der EKD und der DDR abgebrochen wird.

Eine schwierige Situation für die Kirche im Osten. Dieser Vorfall setzt eine Entwicklung in Gang, die schließlich zur Spaltung der evangelischen Kirche in Deutschland führt. Zehn Jahre später fordert eine neue DDR-Gesetzgebung klare Entscheidungen:

Schönherr: "Es ist auch eine wichtige Voraussetzung gewesen, dass die DDR eine neue, sozialistische - wie sie sich ausdrückte - Verfassung verabschiedete, 1968. In dieser Verfassung werden die Kirchen kaum erwähnt, aber immerhin so, dass sie verpflichtet sind, sich getreu den Gesetzen und Richtlinien der DDR zu verhalten. Und das hieße, dass die Verbindungen, die wir zur EKD, zur evangelischen Kirche Deutschlands, hatten, nicht mehr rechtlich zugelassen wären und wir in die Illegalität gehen müssen. Das ist aber bei dem Charakter der DDR-Regierung kaum möglich, dass man das wirklich umfassender tun kann, was eben vom Staat nicht zugelassen wird."

Im Klartext: die neue Verfassung der DDR verbietet ihren Bürgern die Mitwirkung in Gremien, die gemeinsam aus Ost- und Westdeutschland besetzt werden. So soll die lästige Gemeinsamkeit einer gesamtdeutschen Evangelischen Kirche über die Bündnisgrenze des "Eisernen Vorhangs" hinweg endlich beendet werden.

Um der Illegalität zu entgehen, sind die Landeskirchen der DDR gezwungen, einen eigenen Kirchenbund zu gründen, was damals im Westen Deutschlands für große Aufregung sorgt und teilweise bis heute umstritten ist. Erst zwei Jahre später erkennt die DDR-Regierung diesen Bund an. Das Band zwischen Kirche und Staat blieb brüchig. Altbischof Schönherr bemühte sich um eine Politik der Vernunft - und trotzdem:

Schönherr: "Es war immer ein gespanntes Verhältnis. In dem Staat regiert eben eindeutig die SED, und es war ein Grundsatz der SED: Religion ist etwas was den früheren bürgerlichen Zeiten angehört und absterben wird mit dem Sozialismus. Der Staat war der Staat der SED, in dem sie eindeutig regierte und alles, was es sonst noch so gab, CDU und FDP oder LDPD hieß das damals, das waren so genannte Blockpartei, ohne eigene Befugnis. Und in der SED war man dem Marxismus/Leninismus verhaftet, in dem die Religion eine Rolle spielt, so etwa wie eine bürgerliche Reminiszenz, etwas, was längst überholt ist. Was von Marx her und von dessen gesellschaftspolitischen Vorstellungen keine Berechtigung mehr hat."

Denn "Aufbau des Sozialismus" heißt immer auch Durchsetzung des Atheismus. Die Konsequenzen nachzuempfinden, damit tun sich die Brüder und Schwestern der Westkirche schwer. Doch letztlich überwiegt das Gefühl, dass man auch über die Systemgrenzen hinweg in einem Boot sitzt, besonders im Kampf gegen die atomare Rüstung. Die Kirchen in Ost und West besinnen sich einer gemeinsamen Zielsetzung:

Schönherr: "Unsere wichtigste Aufgabe war, alles abzubauen, was sich zwischen beiden Teilen Deutschlands kriegsfördernd darstellen könnte, und wir haben eine Friedensaufgabe gesehen. Sie müssen mal sehen, was das für eine Grenze war. Es war eine Grenze zwischen den zwei Weltkräften, auf der einen Seite der Westen, auf der anderen Seite der Osten, beide waren hochgerüstet mit Atomwaffen. Es gab Zeiten, in denen es dicht dran war, dass losgeschlagen wurde. Und wir haben beide - von der Kirche her - versucht, dass die Konflikte nicht verschärft wurden, sondern im Gegenteil. Und wir haben sogar in den 70er Jahren eine gemeinsame Erklärung unterschrieben, Ost und West, zur Wiederkehr des Tages der Kapitulation. Also der gute Wille war groß."

Letztlich siegt dieser Wille, die trennende Grenze zu überwinden. Als 1989 der Unmut der DDR-Bevölkerung gegen das autoritäre und restriktive Regime zum Sturz der DDR-Regierung führt, da zeigt sich, dass es nicht zuletzt ein Verdienst der evangelischen Kirche der DDR ist, wenn kritisches Gedankengut entgegen vieler Widerstände überleben und sich weiter verbreiten kann.

In den 1980er Jahren hat sich die Kirche in der DDR zum Hort der alternativen Friedensbewegung entwickelt. Viele Menschen und Gruppen kommunizieren und agitieren hier gegen die offizielle Regierungsdoktrin. Im Jahre 1991 vereinen sich die Evangelischen Kirchen in Ost und West wieder unter dem Dach der gemeinsamen Evangelischen Kirche Deutschlands.

Autorin: Barbara Fischer
   
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