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9.9.1971: Gefängnisaufstand Attica
Elliott Barkley: "Wir sind Menschen, keine Tiere. Alle Gefangenen sind angetreten, um ein Ende zu machen mit der grausamen Brutalität und der Missachtung der Lebensrechte der Gefangenen hier und überall in den Vereinigten Staaten."

Elliott Barkley prangert stellvertretend für rund 1200 Mitgefangene die katastrophalen Zustände im Staatsgefängnis Attica im Norden des Bundesstaats New York an. Am 9. September 1971 nahmen dort Gefangene mehrere Wächter als Geiseln, um ihren Forderungen nach Ausbildungsprogrammen, einem Ende der Zensur, angemessener gesundheitlicher Versorgung sowie nach der Einstellung von schwarzem und Spanisch sprechendem Wachpersonal Nachdruck zu verleihen. Fünf Tage später richtete die New Yorker Staatspolizei ein Blutbad bei der gewaltsamen Beendigung des Aufstands an.

Zunächst hatte es danach ausgesehen, als ob in Verhandlungen ein friedliches Ende der Erhebung erreicht werden könnte. Als am dritten Tag des Aufstands dann Staatspolizei den Gefängniskomplex umstellte und bekannt wurde, dass einer der verletzten Wächter gestorben war, nahm die Spannung innerhalb und außerhalb des Gefängnisses zu.

Die Gefangenen machten deutlich, dass sie für ihre Forderungen zu sterben bereit waren. Sie - Schwarze, wie Puertoricaner und Weiße - hatten genug davon, wie Hunde behandelt zu werden.

Dennoch hofften alle Beteiligten noch auf ein unblutiges Ende der Rebellion. Michael Smith rief für die Geiseln dazu auf, das Gefängnis nicht zu stürmen, da die Forderungen der Gefangenen berechtigt seien.

Michael Smith: "Ich kann nur hoffen, dass die Regierungsvertreter etwas finden, um die Probleme zu lösen - der Leute hier und auch unsere."

Appelle wie dieser blieben jedoch ungehört. Am Morgen des fünften Tages der Revolte stürmte die Staatspolizei das Gefängnis. Dabei setzten die Beamten Tränengas ein und schossen wahllos in die Menge.

Außerhalb der Gefängnismauern berichtete Fernsehreporter John Johnson mit stockender Stimme live über das Geschehen.

John Johnson: "Hubschrauber fliegen über unsere Köpfe. Die Gefangenen wurden gerade aufgefordert, mit erhobenen Händen herauszukommen. Ich weiß nicht, ob da drinnen jemand umgekommen ist. Was hier passiert ist, ist sehr bedauerlich."

Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstands trieben Polizisten und Wächter die Gefangenen wie eine Viehherde vor sich her. Viele wurden misshandelt, medizinische Betreuung verweigert. Mit Tränen in den Augen erinnert sich der ehemalige Attica-Insasse Frank Smith an die erniedrigende Behandlung.

Frank Smith: "Es war geradezu barbarisch. Sehr, sehr grausam. Sie haben uns die Sachen vom Leib gerissen. Wir mussten nackt, wie Tiere auf dem Boden kriechen. Sie haben mich auf einen Tisch verfrachtet und meine Hoden geschlagen. Sie haben mich mit Zigaretten verbrannt. Dann haben sie einen Football auf meine Zehen gelegt und gesagt, dass sie mich umbringen, wenn er runter fällt. Da ich gesehen hatte, wie viele Menschen völlig grundlos erschossen worden waren, war ich überzeugt, dass sie das machen würden."

43 Tote - elf Wächter und 32 Gefangene - sowie über 80 Verletzte, das war die blutige Bilanz des fünftägigen Gefängnisaufstands in Attica. Alle Opfer des Aufstands starben durch Polizeikugeln. Davon unbeeindruckt, sah der Gefängnisbeauftragte Oswald dennoch in den rebellierenden Gefangenen die Ursache der Ereignisse. Ihre Aktion sei eine nicht zu tolerierende Gefährdung der freien Gesellschaft gewesen.

1972 sprach eine Untersuchungskommission dagegen von einer staatlichen "Gewaltorgie" in Attica. Dennoch dauerte es fast weitere 30 Jahre, bis den Angehörigen der getöteten Gefangenen sowie den damals Verletzten zumindest eine finanzielle Entschädigung zugesprochen wurde. Im vergangenen Jahr erklärte sich der Staat New York zur Zahlung von acht Millionen Dollar bereit. Ein formales Schuldanerkenntnis war damit jedoch nicht verbunden.

Autor: Michael Kleff
   
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