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2.9.1944: Morgenthau-Plan
"Wir haben ja in den letzten Tagen die Feindpläne zur Genüge kennen gelernt: den Plan des Juden Morgenthau, dass 80 Millionen Deutsche ihrer Industrie beraubt würden und Deutschland zu einem einzigen Kartoffelfeld gemacht werde." Worte aus dem Munde des Chefpropagandisten unterm Hakenkreuz Joseph Goebbels, gesprochen wenige Wochen nach der Unterzeichnung des Morgenthau-Plans durch US-Präsident Franklin D. Roosevelt im September 1944.

Tatsächlich waren im Morgenthau-Plan einschneidende Regelungen für die Nachkriegszeit vorgesehen: Die Aufteilung Deutschlands in einen Nord- und einen Südstaat, beide autonom und auf föderativer Grundlage. Dazu kamen erhebliche Gebietsabtretungen: Im Westen an Frankreich und im Osten an Polen und die Sowjetunion.

Die vier großen "D"

Deutsche Zwangsarbeiter sollten im Ausland Kriegsschäden beseitigen, schließlich forderte Morgenthau eine Bodenreform zugunsten kleinerer und mittlerer Betriebe. Zentral aber blieb die völlige Entwaffnung der Streitkräfte, um Deutschland als potentiellen Aggressor zukünftig auszuschalten; das sagte der Hamburger Politologe und Morgenthau-Forscher Bernd Greiner: "Nach der wirtschaftlichen Seite hin forderte er 'industrial disarmament'. Reine Rüstungsindustrien hätte er sofort nicht nur verbieten, sondern demontieren, stilllegen lassen. Dann steht sehr viel drin über die Entflechtung der Kartelle, über die Bestrafung der Nazi-Täter. Aber es steht nichts drin über Endindustrialisierung, Kornkammer oder Ackerland Ruhrgebiet."

In Fragen der Entnazifizierung wandte sich Morgenthau gegen die "outlaw"-Theorie, nach der nur die kriminellen Eliten, also die Führer und Funktionäre des NS-Regimes und der NSDAP Verantwortung für den Holocaust trugen. Morgenthau hingegen sah die Schuldigen in den Reihen der Militärs, in der Bürokratie und in der Industrie, nicht zuletzt in der Zwangsgemeinschaft der Halbverstrickten, Mitläufer und Angepassten.

Seine Vorschläge zielten daher auf eine Politik der vier großen "D". Und die hießen: Demilitarisierung und Denazifizierung, Dekartellisierung und Demokratisierung, dazu Bernd Greiner: "Das ist ein Politikverständnis, das sich in der Tat radikal unterscheidet, was in der Nachkriegszeit dominant geworden ist. Ein Politikverständnis, das sich nicht damit bescheidet und auf diplomatischer Ebene wohlklingende Verträge schließt, sondern sagt, diese Friedensverträge können nur dann realisiert werden, wenn ich die materiellen Vorraussetzungen dafür schaffe."

Keine Normalität im Schatten der Vernichtung

Das Wissen um die Shoah, um die Vernichtung der europäischen Juden, spielte in Morgenthaus Denken eine zentrale Rolle. Bereits Ende 1942 besaßen er und seine Mitarbeiter im Finanzministerium zuverlässige Berichte über die Todesfabriken in Auschwitz und anderswo.

Verzweifelt wandte sich Morgenthau an das Kriegsministerium - mit der Bitte, die Gaskammern in Auschwitz oder die Eisenbahnlinien nach Polen zu bombardieren. Doch alle Forderungen wurden abgelehnt. Daraufhin ließ der Finanzminister eine Vorlage für US-Präsident Roosevelt zusammenstellen, der spätere Morgenthau-Plan.

Der Finanzminister wollte damit seine politischen Gegner im Außen- und Kriegsministerium, die Befürworter eines "appeasement", eines Ausgleichs mit Deutschland, aus der Reserve locken - wohl wissend, dass seine Pläne bei ihnen auf massiven Widerstand stoßen müssen.

Völkermord und Aggressionskrieg dürfen nicht ungesühnt bleiben: Darüber wollte Morgenthau einen politischen Streit vom Zaune brechen, darauf hatte er all sein intellektuelles Bemühen gerichtet. Es gibt keine Normalität im Schatten der Vernichtung, das war Morgenthaus Botschaft an die Tätergeneration.


Autor: Michael Marek
   
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