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25.7.1956: "Andrea Doria" wird gerammt
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In einer zeitgenössischen Rundfunkreportage hieß es damals: "Eine rührende Szene spielt sich hier vor unseren Augen ab: Eine Mutter, deren Sohn bei der Familie in Italien war und die heute morgen in aller Frühe durch das Radio erfahren hat, was passiert war, hat ihren Sohn hier gesund wieder gefunden. Sie weint und schließt ihn in ihre Arme."

Nicht alle Passagiere der Andrea Doria haben so viel Glück. Dem italienischen Luxusdampfer wird seine Reise von Genua nach New York zum Verhängnis. Am Abend des 25. Juli 1956 kollidieren kurz vor New York die Andrea Doria und das schwedische Passagierschiff "Stockholm". Die Andrea Doria beginnt zu sinken.

Eine Zeitzeugin berichtete: "Wir haben geschlafen und sind durch diesen furchtbaren Anprall, diesen Lärm geweckt worden." Sie gehört zu einer Gruppe deutschsprachiger Studenten. Die Andrea Doria soll sie zum Austauschstudium in die USA bringen. Sie reist in der Touristenklasse, und wie schon beim Untergang der unseligen Titanic sind auch auf der Andrea Doria die billigen Kabinen am schlimmsten von dem Unglück betroffen.

Schicksale

Die Zeitzeugin: "Es war zuerst schlimm, als wir aus der Kabine kamen. Wir waren sehr tief unten im Schiff und sehr nahe der Stelle, wo das andere Schiff uns rammte. Es war schon sehr schlimm. Das Schiff stand quer, so dass man immer wieder an die Außenwand geschleudert wurde, und von den Seitengängen waren schon teilweise die Wände gebrochen. Es kam schon Wasser herein, so dass jeder schaute, auf Deck zu kommen und nach Möglichkeit raus zu kommen aus diesem Loch."

1134 Passagiere und 572 Mann Besatzung sind an Bord der Andrea Doria. In der zweiten und dritten Klasse reisen außer den Austausch-Studenten vor allem Italiener, die in den USA ein neues Leben beginnen wollen. Die 160 Passagiere der ersten Klasse sind US-Amerikaner, sie haben in Europa ihren Urlaub verbracht.

Die Luxuskabinen des Schiffes, das nach einem italienischen Renaissance-Admiral benannt ist, sind der Stolz der ganzen Nation. Die besten Künstler Italiens haben wahre Wunder der Raumgestaltung vollbracht. Die Gäste, darunter die Gattin des Hollywoodstars Cary Grant und der Bürgermeister von Philadelphia, genießen an Bord allen nur erdenklichen Luxus.

Die größte Suite an Bord bewohnt der Herausgeber des "San Francisco Chonicle" mit seiner Frau. Fresken der zwölf Tierkreiszeichen zieren die Wände. Der Bug der Stockholm durchschneidet die Pracht wie ein Messer. Die Eheleute sind die ersten der 47 Opfer, die das Unglück an Bord der Andrea Doria fordern wird.

Rettung

Die Zeitzeugin berichtete: "Wir haben schlimme Verletzungen gesehen, meistens ältere Leute. Wir mussten über ein Seil hinunterklettern in die Rettungsboote, nachdem wir zwei Stunden an der Reling gehangen waren, um nicht auszurutschen und herunter zu fallen."

Der französische Dampfer Ile de France hat kurz nach der Stockholm den Hafen von New York verlassen. Er kommt gerade noch rechtzeitig an die Unglücksstelle, um die meisten Schiffbrüchigen aufzunehmen, darunter auch einen Studenten aus Wien: "Ich selbst bin in einem Ruderboot der Ile de France hinübertransportiert worden zur Ile de France."

Nur mit Gewalt lässt sich ein anderer ins Rettungsboot verfrachten. Commodore Piero Calamai, der Kapitän der Andrea Doria, wäre lieber zusammen mit seinem Schiff untergegangen. Stattdessen muss er zusehen, wie die Ile de France als Salut für die sterbende Andrea Doria Halbmast flaggt. Später wird er sagen: "Ich habe das Meer geliebt. Jetzt hasse ich es."

Unglücksursache ungeklärt

Die Schuld an diesem Schiffsunglück wird nie eindeutig geklärt. Es scheint eine fatale Ansammlung unglücklicher Umstände zu sein. Eine Nebelwolke, die die Andrea Doria buchstäblich vor den Blicken der anderen verhüllt, eine fehlerhafte Radar-Anzeige, eine zwangsläufig falsch bestimmte Position. Nach elfstündigem Todeskampf versinkt die Andrea Doria im Meer und begräbt mit sich für immer die Ära der Ozeanriesen.


Autorin: Catrin Möderler
   
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