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29.3.1947: Kabarett "Das Kom(m)ödchen"
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Eine Leica gegen 36 Schachteln Pall Mall und diese wiederum gegen Ziegelsteine, Vorhangstoff und zwei Lampen. Das war das Startkapital für ein Kabarett in der Düsseldorfer Altstadt, das am 29. März 1947 im wahrsten Sinne des Wortes aus Trümmern entstand, wie sich Lore Lorentz später erinnerte: "Da kam eines Tages Vati aus Vatis Atelier hierher, aus der Hunsrückenstraße, das war ein großartiger Mensch, der sagte, (bei) mir gegenüber ist ein Grundstück, da sind jetzt (zwar) Trümmer drauf, aber wenn ihr da grabt, da unten ist ein Saal, da solltet ihr das Kom(m)ödchen aufmachen. Ich helf' Euch dabei. Ich mach da mit."

Nach einer Kommode, die in dem Hinterzimmer des Hauses herum stand, wurde das neue Kabarett "Kom(m)ödchen" genannt. Befürchtungen, dass nach dem Krieg und in der Phase einer neuen Aufbruchstimmung keine Zeit für Kabarett sei, hatten Kay und Lore Lorentz von Anfang an nicht: "Wir haben herrliche Texte, die vorher verboten waren, auch rausgeholt - Kästner und Tucholsky und all die Dinge, die die Leute 13 Jahre lang nicht gehört hatten," sagte Lore Lorentz später.

Die Geschicke der Bundesrepublik

Der Erfolg gab dem Kom(m)ödchen Recht. Während der 1950er-und 1960er-Jahre konnten die Kabarettisten fast jeden Abend das Schild "Gott sei Dank ausverkauft" an die Tür hängen. Eigentlich wollten die in Mährisch-Ostrau geborene Lore Lorentz und ihr aus Chemnitz stammender Mann Kay nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA auswandern. Doch dann sind sie geblieben und kamen nicht weiter westwärts als an den Rhein. Von Anfang an beschäftigte sich Deutschlands dienstältestes Kabarett mit den Geschicken der Bundesrepublik.

Die Aufbauwut und das Wirtschaftswunder standen auf dem Programm, Adenauer und sein Globke, Seebohm und Mende und die sozialliberale Koalition. Davon überzeugt, dass die Kunst des Kabaretts erst da anfange, wo der Glaube des Kabarettisten aufhöre, dass er die Gesellschaft verändern könne, thematisierten Kay und Lore Lorentz vor allem die Arroganz der Amtsträger.

Klare Rollenverteilung in der Gemeinsamkeit

Im Juli 1952 gastierte das Kom(m)ödchen in Den Haag. Es war das erste Auftreten eines deutschen Ensembles in den Niederlanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch vor dem Auftritt wurden Ressentiments gegen die deutsche Kabarettgruppe laut. Doch im Laufe des Abends schlug die Stimmung um. Es gab "standing ovations".

Von Anfang an gab es eine klare Rollenverteilung im Kom(m)ödchen. Zwar entwickelten Kay und Lore Lorentz ihre Programme gemeinsam. Doch sie stand mit ihrem unverwechselbaren Vortragsstil im Rampenlicht. Er blieb als Regisseur im Hintergrund. Kay Lorentz starb Anfang 1993. Seine Frau Lore ein Jahr später. Bis zu ihrem Tod blieben beide ihrer Vorstellung von Kabarett treu, wie Lore Lorentz einmal sagte: "Ich habe Kabarett immer aufgefasst eigentlich als heilsam und nicht Salz in die Wunden streuen - ich weiß nicht, ob ich Recht hab damit - aber verwunden darf es nie."



Autor: Michael Kleff
   
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