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3.6.1943: "Die Fliegen" uraufgeführt
Eine Szene aus "Die Fliegen", Hebbeltheater, Berlin 1948, Orest: Kurt Meisel: "Ich werde nicht unter Dein Gesetz zurückkehren. Ich bin dazu verurteilt, mein eigenes Gesetz zu haben. Denn ich bin ein Mensch. Und jeder Mensch muss seinen Weg erfinden. Der Natur graut vor den Menschen. Und Dir, König der Götter, Dir graut auch vor den Menschen!"

Ein antikes Drama, von Jean-Paul Sartre modernisiert. Ein Mensch bezwingt einen Gott. Orest erhebt sich gegen Jupiter, denn Jupiter ist kein guter, sondern ein hinterhältiger Gott. Er sichert seine Macht, indem er Furcht schürt.

Orests Mutter Klytemnästra hat zusammen mit ihrem Geliebten Aegisth Orests Vater, König Agamemnon ermordet. Jetzt beherrschen die beiden das Volk von Argon, indem sie es in lähmende Furcht vor der Rache der Götter versetzen. Jupiter unterstützt sie; er schickt als Symbol göttlicher Rache eine Fliegenplage.

Das mörderische Königspaar befiehlt ständige sinnlose Bußhandlungen, angeblich um Erlösung zu erflehen. In Wahrheit soll nur niemand auf die Idee kommen, sich einfach der schuldbeladenen Herrscher zu entledigen. Nur Orest lässt sich nicht einschüchtern und deshalb auch nicht unterdrücken. Er tötet Aegisth und Klytemnästra. Er fürchtet keine Rachegötter, denn er handelt bewusst und selbstverantwortlich und erwartet keine Erlösung. Er ist frei.

Jean-Paul Sartre: "Die Freiheit ist die absurdeste und unerbittlichste Verpflichtung. Orest wird seinen Weg gehen, ohne Verantwortung, ohne Entschuldigung, ohne Hilfe. Allein. Wie ein Held, koste es, was es wolle."

Als Jean-Paul Sartre den antiken Dramenstoff des Euripides adaptiert, steht Frankreich unter deutscher Besatzung. Sartres Drama ist eine Parabel. Genau wie Argon ist Frankreich gelähmt vor Furcht, Unterwerfung unter die Sieger verspricht Erlösung. Sich aufzulehnen, scheint sinnlos. Jeder Partisan wird indirekt zum Mörder an Landsleuten: Als Vergeltung erschießen die Deutschen nach jedem Anschlag der Résistance willkürlich ausgewählte Franzosen. Doch für Sartre ist im Kampf um die Freiheit kein Preis zu hoch:

Jean-Paul Sartre: "Das Drama, das ich hätte schreiben wollen, hätte von einem Terroristen gehandelt, der Deutsche auf der Straße erschießt und damit die Exekution von fünfzig Geiseln auslöst."

Gleich nach der Uraufführung am "Théatre de la Cité" in Paris verbietet die deutsche Militärverwaltung das Stück. Aber schon kurz nach Kriegsende stehen "Die Fliegen" wieder auf den Theaterzetteln, auch in Deutschland. Aber so kurz nach dem Ende der Naziherrschaft sind die Erinnerungen, die "Die Fliegen" hervorrufen, für viele noch zu schmerzhaft.

Ein Kritiker wettert: "Ich bezweifle, dass das Publikum diese Vorstellung goutieren wird, die einem schlechten Traum entstammt. Ich möchte den Leuten sagen: Man isst keine Fliegen in Essig!"

Sartre bekennt sich mit den "Fliegen" nicht zum ersten Mal zur Freiheit als dem alleinigen Sinn des Lebens. Ein Jahr vorher erscheint sein philosophisches Hauptwerk "Das Sein und das Nichts". Im Gegensatz zur christlichen Weltanschauung proklamiert Sartre darin den "Atheistischen Existentialismus", dass heißt die totale Freiheit des Menschen durch totale Eigenverantwortlichkeit. Ohne Gott, ohne Gnade und ohne Reue.

Jean-Paul Sartre in einer Diskussion in Berlin im Jahr 1948: "Also wieder zur Frage: Wofür die Freiheit? (...) Wenn man eine solche Frage stellt, dann heißt es, dass man den wirklichen Sinn des Wortes 'Freiheit' nicht richtig erfasst!"

Jean-Paul Sartre bleibt seiner Philosophie von Freiheit in Selbstverantwortung sein Leben lang treu, bis ins Extrem: Den Literaturnobelpreis weist er zurück. In dessen Zelle im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim besucht er den Terroristen Andreas Baader, in Sartres Augen ein moderner Orest. Denn er habe "aufrichtig versucht, Prinzipien in die Tat umzusetzen".

Trotz höchst anfechtbarer Auslegungen bleibt das Grundprinzip der Sartreschen Philosophie allgemeingültig: Der Mensch ist frei, sich nicht zu beugen. Getreu der Erkenntnis des Orest:

Aus "Die Fliegen": "Das menschliche Leben beginnt jenseits der Verzweiflung!"

Autorin: Catrin Möderler
   
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