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20.5.1990: Erste freie Wahlen in Rumänien
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Der Wahlkampf wird emotional und leidenschaftlich geführt. Ein Wahlkampf, bei dem nicht nur Wortgefechte, sondern auch Handgreiflichkeiten eine besondere Rolle spielen. Nur wenige Monate nach dem Sturz und der Ermordung von Nicolae Ceauşescu im Dezember 1989 geht der Wahlkampf für die ersten freien Wahlen in Rumänien in eine heiße Phase.

Nur wenige Monate verbleiben den drei Parteien, um die Gunst der Wähler zu erringen: die "Front der Nationalen Rettung" unter Ion Iliescu, die "Nationalliberale Partei" und die "Bauernpartei". Doch haben die beiden Oppositionsparteien gegen Ion Iliescu eine Chance? Der rumänische Autor und Journalist Keno Verseck sagte dazu: "Die meisten Beobachter sagen - und ich denke, dass ist auch nach meinem Eindruck so - das war ein sehr früher Wahltermin mit Blick darauf, dass praktisch von 65 bis 89 die Ceauşescu-Diktatur gab, die keinen Platz für nichts gelassen hat, nicht mal für das was in anderen osteuropäischen Ländern existierte. Und es gab so gut wie keine organisierte Opposition. Es gab andere oppositionelle Parteien, aber für die war es ein sehr früher Termin. Und die 'Front der Nationalen Rettung' hatte sich einerseits als provisorisches Führungsorgan dieses Staates organisiert, gleichzeitig als Partei zur Wahl gestellt und hatte von daher diese beiden Vorteile: Den frühen Wahltermin und den Vorteil, dass sie provisorisches Führungsorgan des Staates war und gleichzeitig Partei, die am Wahlkampf teilnimmt."

Befürchtung von Wahlbetrug und Manipulation

Der Opposition wird schon im Vorfeld der Wahlen keine Chance gegeben. Vor allem die "Bauernpartei" hat in ihrem antikommunistischem Feldzug die Tatsache ignoriert, dass viele Wähler Mitglieder der früheren Kommunistischen Partei waren, sich in der einen oder anderen Weise mit dem System arrangiert hatten und somit materiell abhängig sind von den bestehenden, noch von den Kommunisten geschaffenen wirtschaftlichen und administrativen Strukturen.

Die Befürchtungen von Wahlbetrug und Manipulation werden von der Opposition massiv geschürt, und dazu trägt letztendlich auch das Wahlverfahren bei: 16,8 Mio. Wahlberechtigte müssen zwischen 82 Parteien und Organisationen entscheiden. Dem Wähler wird eine 24 Seiten umfassende Wahlliste in die Hand gedrückt. Zum eigentlichen Wahlakt bekommt der Wähler einen Stempel, den er in einem Kasten neben der Partei oder den Kandidaten drücken muss. Ist der Stempel nicht exakt im Kasten, ist die Stimme ungültig.

Angesichts der heftigen Vorwürfe der Opposition an die regierende "Interims-Front" sind knapp 600 ausländische Wahlbeobachter nach Rumänien gereist. Sie bescheinigen den ersten freien Parlaments- und Präsidentschaftswahlen seit 53 Jahren jedoch einen relativ ordnungsgemäßen Ablauf.

Sieg für die 'Front'

Das Ergebnis ist vorhersehbar: Der Interimspräsident Ion Illiescu liegt mit über 86 Prozent weit vor seinen beiden Konkurrenten. Das Ergebnis überrascht keinen, Keno Verseck dazu: "Das war relativ klar, dass die 'Front' die absolute Mehrheit bekommen würde, und dass Illiescu mehr als eine Dreiviertel-Mehrheit bekommen würde."

Das Resultat der Wahlen - so beschreibt es damals die der Opposition nahestehende Zeitung "Romania Libera" - sei wohl als Ausdruck des gegenwärtigen politischen Niveaus in Rumänien zur Kenntnis zu nehmen und muss wohl akzeptiert werden. Es ist das Ergebnis der individuellen Entschlüsse von Menschen, deren Mentalität, Denk- und Verhaltensweisen von der Ceauşescu-Diktatur tief geprägt sind.

Moderate Kontinuität

Zwar hat die Front gewonnen, aber die Möglichkeit, erstmals seit vielen Jahrzehnten die Macht der regierenden Partei durch eine starke Opposition im Parlament zu kontrollieren, ist nicht genutzt worden. Und was haben sich die Wähler erhofft?

Keno Verseck dazu: "Was sich die Wähler erhofft haben, war eine Art moderate Kontinuität. So würde ich auch seine Partei charakterisieren, damals die Front zur nationalen Rettung, heute Partei der sozialen Demokratie, demnächst Sozialdemokratische Partei. Es ist eine Partei der moderaten Kontinuität, das heißt, die Exzesse der Ceauşescu-Zeit, die fallen alle weg. Aber im Großen und Ganzen ändert sich nicht allzu viel, bestimmte demokratische Strukturen, usw. Also das haben sich viele Leute erhofft, und das ist auch eingetreten."


Autorin: Doris Bulau
   
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