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24.3.1999: Nato fliegt Luftangriffe auf Jugoslawien
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Die Sirenen heulen nicht. Keine einzige Luftabwehrrakete steigt am Abend des 24. März 1999 in den sternenklaren Nachthimmel über Belgrad. Der beruhigende Klangteppich des Straßenverkehrs in der serbischen Hauptstadt vermittelt vielmehr den Anschein von Normalität.

Aus der Ferne sind lediglich einige dumpfe Detonationen zu hören. Um halb zehn abends zeigt sich der Krieg nur kurz in der serbischen Hauptstadt. Ein Marschflugkörper schlägt in der Nähe des internationalen Kongresszentrums ein und taucht die umliegenden Hochhäuser in einen gelben Feuerschein.

Zehn Minuten später ist das Schauspiel schon wieder vorbei, Belgrad scheint in die entspannte Ruhe eines angenehmen Frühlingsabends zurückzukehren. Tatsächlich hat soeben ein neuer Balkankrieg begonnen - der vierte in zehn Jahren Milošević-Herrschaft, aber der erste, der sich für die Serben nicht in der entfernten Kraijna oder in Sarajewo abspielt. Und der erste, den die NATO in ihrer 50-jährigen Geschichte führt; ohne UN-Mandat und damit eigentlich gegen das Völkerrecht, aber für die Menschenrechte und mit deutscher Beteiligung.

Befehl zum Angriff

Das serbische Staatsfernsehen spricht von einem "Akt der Aggression" der NATO und berichtet erst eine Stunde später von Bombentreffern auf militärische Einrichtungen. Der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder verteidigt die Luftangriffe als ultima ratio. Nachdem die Friedensverhandlungen von Rambouillet sowie der letzte Vermittlungsversuch von Dayton-Architekt Richard Holbrooke am 22. März gescheitert waren und die Gewalt gegen die Kosovo-Albaner unter dem euphemistischen Deckmantel "ethnische Säuberung" weiter zunimmt, gibt NATO-Generalsekretär Javier Solana am 23. März in Brüssel den Befehl zum Angriff.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder sagt in seiner Fernsehansprache am Abend des 24. März 1999: "An unserer Entschlossenheit, das Morden im Kosovo zu beenden, besteht kein Zweifel. Die Belgrader Führung hat es allein in der Hand, den NATO-Einsatz zu beenden, in dem sie sich gegen den Krieg und für den Frieden entscheidet."

Dies erklärt auch der damalige deutsche Verteidigungsminister Rudolf Scharping: "In dem Augenblick, in dem von der Regierung Milošević ein klares Signal dafür kommt, dass im Kosovo die Unterdrückung der Bevölkerung und ihre Vertreibung beendet wird und dass eine Bereitschaft besteht, ein ziviles Abkommen zu unterzeichnen und seine Implementierung auch tatsächlich zu garantieren, kann man die militärischen Maßnahmen beenden."

Gegen Unterdrückungspolitik

Ebenso wie Schröder betont auch der damalige NATO-Generalsekretär Javier Solana, dass sich die Angriffe nicht gegen das serbische Volk, sondern gegen die Unterdrückungspolitik der jugoslawischen Führung richteten: "We must stop the violence and the humanitarian catastrophe now taking place in Kosovo. We have the moral dignity to do so."
"Es ist die moralische Pflicht der NATO, die Gewalt zu stoppen und die humanitäre Katastrophe im Kosovo zu stoppen."

Dies und die Entmachtung Miloševićs sind die erklärten Ziele der Allianz, gegen deren Eingreifen auf dem Balkan vor allem die serbische Schutzmacht Russland in Person ihres Präsidenten Boris Jelzin protestiert.

Zensur

Was sich vom 24. März an bis zum Ende des Krieges am 10. Juni 1999 in Serbien und dem Kosovo abspielt, bleibt bis heute ähnlich unklar wie die Realität des Golfkrieges acht Jahre zuvor. Westliche Journalisten und Mitglieder von Hilfsorganisationen müssen das Land verlassen, ihre Sendeanlagen werden von der serbischen Regierung beschlagnahmt. Kritische serbische Medien wie der Radiosender B-52 aus Belgrad werden gleichschaltet, Bilder und Töne kommen nur noch zensiert in die Welt.

Fest steht, dass die NATO ihr Ziel, die humanitäre Katastrophe zu stoppen oder gar zu verhindern, nicht erreicht, im Gegenteil. Es entsteht ein Flüchtlingselend gigantischen Ausmaßes. Hunderttausende albanische Kosovaren fliehen nach Mazedonien, Albanien und Montenegro, wenn sie nicht auf den "killing fields" massakriert werden, und vegetieren teilweise wochenlang ohne jede Hilfe in Schlammlöchern wie in Blace im Norden Mazedoniens.

Das serbische Staatsfernsehen meldet hingegen, die Flüchtlinge brächten sich in panischer Angst vor den Bomben der NATO in Sicherheit. Meldungen über Vertreibungen der Albaner aus dem Kosovo seien böswillige Erfindungen der feindlich gesonnenen Medien aus NATO-Staaten.

Kompromissfrieden

Im Westen wird man zunehmend nervös. Das Unbehagen und die Zweifel an der moralischen Legitimation des Krieges wachsen. Besonders, als die NATO versehentlich Wohngebiete und Flüchtlingstrecks beschießt und Hunderte von Zivilisten sterben.

Milošević setzt auf einen Kompromissfrieden, der es ihm ermöglicht, die Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo unbehelligt fortzusetzen. In relativer Sicherheit kann er sich zudem durch die Ankündigung der NATO wiegen, sie wolle keine Bodentruppen einsetzen. Stattdessen verstärkt die NATO die Angriffe und nimmt zunehmend Milošević selbst ins Visier - allerdings erfolglos.

Nach 79 Tagen und 37.000 Einsätzen der Kampf-Jets ist es der damalige finnische Präsident Ahtisaari, der am 3. Juni 1999 mit Milošević den Rückzug der serbisch-jugoslawischen Streitkräfte und die Stationierung einer internationalen Friedenstruppe unter UN-Schirmherrschaft im Kosovo vereinbart. Das Abkommen von Kumanovo bedeutet das Ende des Luftkrieges und die Kapitulation Miloševićs.

Nur Verlierer

Hätte der Diktator den Friedensvertrag von Rambouillet unterschrieben, wäre die territoriale Integrität Serbiens gewahrt und Kosovo serbische Provinz geblieben. Belgrad hätte 2.500 Soldaten im Kosovo belassen dürfen. So musste Milošević alle Streitkräfte abziehen und verlor die Herrschaft über das Kosovo. 28.000 KFOR-Soldaten rücken vom 11. Juni an in den Kosovo ein. Der letzte Teil des großserbischen Traums ist nach vier verlorenen Kriegen ausgeträumt.

Der Kosovo-Krieg führte nach Schätzungen des UNHCR zur Vertreibung von 1,5 Mio. Kosovo-Albanern und 150.000 Roma. Er kostete nach britischen Schätzungen 10.000 Albanern und 7000 Serben das Leben. Die Hälfte aller Häuser im Kosovo wurde zerstört. Nach der Rückkehr der Kosovo-Albaner brannten die serbischen Häuser, und von 180.000 Serben im Kosovo flohen 100.000. Ein Krieg, in dem es nur Verlierer gab.



Autor: Frank Gerstenberg
   
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