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21.2.1989: Václav Havel verurteilt
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Seit dem Prager Frühling 1968 kämpft Václav Havel für eine menschlichere Tschechoslowakei. Aus dem Untergrund fordert er, dass politische Häftlinge freigelassen werden. Er schreibt Texte, Bücher und sitzt mit am Tisch als die Charta 77 gegründet wird. Immer wieder wird Havel verhaftet und ihm wird der Prozess gemacht. Fast fünf Jahre lebt er hinter Gittern. Am 21. Februar 1989 verurteilt ihn ein Prager Gericht wegen Rowdytums.

Der Prozess gegen Havel fand sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, erzählte ein Vertreter der Wiener Sektion für Menschenrechte: "Es war kein einziger Vertreter der Öffentlichkeit anwesend. Es waren alles ausgesuchte Zuhörer."

Die Angehörigen von Václav Havel sitzen zwar auf den Zuschauerbänken im Gerichtssaal, sie dürfen aber nicht mit ihm sprechen.

Eine Kultfigur

Václav Havel ist Anfang 1989 längst eine Kultfigur, und die tschechoslowakische Opposition verstummt längst nicht mehr, weil einer ihrer wichtigsten Männer im Gefängnis sitzt. Aus dem Ausland hagelt es Proteste. Es wird nicht hingenommen, wie die Prager Machthaber den beliebten Schriftsteller behandeln.

Neu ist, dass sich erstmals auch Künstler aus Polen, Ungarn und der damaligen DDR in Prag beschweren. Es herrscht bereits Tauwetter in Osteuropa, wie der tschechische Journalist Ota Filip damals berichtete: "Heutzutage entstehen in Prag riesige und bisher unbekannte Gruppen von Dissidenten, von Bürgerinitiativen. Das hat alles die Verhaftung von Havel provoziert."

Von Hause aus ist der damals 53-jährige Havel Schriftsteller. Er schreibt Bücher, inszeniert Theaterstücke. Für die kommunistischen Machthaber eine illegale Arbeit. Im Ausland sind Havels Werke anerkannt. Er genießt einen sehr guten Ruf.

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Im Oktober 1989 erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei der Feier in der Frankfurter Paulskirche kann Havel nicht dabei sein. Er bittet den Schauspieler Maximilian Schell, seine Dankesrede zu verlesen: "Ist denn wirklich das menschliche Wort so mächtig, dass es die Welt ändern und die Geschichte beeinflussen kann? Und wenn es je so mächtig war, gilt das auch noch heute? Ich lebe in einem Land, wo das Gewicht und die Radioaktivität des Wortes tagtäglich von den Sanktionen bestätigt werden, die das freie Wort auf sich zieht. Ich lebe wirklich in einem Land in dem ein Schriftsteller-Kongress oder eine dort gehaltene Rede das System erschüttern kann. Ja, ich lebe wirklich in einem Land, wo das Wort alle Machtapparate erschüttern kann, wo das Wort stärker sein kann als zehn Divisionen."

Revolution aus Samt und ein neuer Präsident

Wie eine mächtige Armee kam im Herbst 1989 die Wende über Osteuropa. Im November demonstriert die tschechoslowakische Opposition. Auf dem Prager Wenzelsplatz fordern 200.000 unter der Führung von Havel den Rücktritt der kommunistischen Regierung. Drei Viertel aller Arbeiter streiken für dieses Ziel. Die Prager sprechen von einer Revolution aus Samt, die die Wende in der Tschechoslowakei bringt.

Am 29. Dezember wird Václav Havel zum neuen Staatspräsidenten der CSSR, zum ersten nicht-kommunistischen Präsidenten seit 1948, gewählt. Dass der neun Monate zuvor als Rowdy verurteilte Schriftsteller so schnell ganz oben stehen würde, ahnte auch der Journalist Ota Filip nicht. Doch er sah damals bereits den Silberstreif am Horizont: "Noch vor zwei Jahren hatten die Leute Angst, sie waren eingeschüchtert. Heute befreien sie sich von der Angst. Die zweite Sache ist, dass heute alles von der Jugend ausgeht, von jugendlichen Bürgerinitiativen. Die entstehen ganz spontan. Sie sind alle für Havel natürlich."


Autor: Gábor Halász
   
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