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29.1.1938: Kunstfaser Perlon entwickelt
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Frauenbeine können wahrhaft magische Anziehungskraft entwickeln - besonders wenn sie von hautengen Gespinsten aus hauchzarten Fäden umschlossen sind. Jahrhunderte lang musste für die Beinumhüllung der eleganten Dame ein kleines Geschöpf sein Leben lassen: Bombyx mori, die gemeine Seidenraupe. In einer Rundfunkrede Ende der 1930er-Jahre wurde ihr Hoffnung auf Überleben gegeben - und den Damen die Aussicht auf das schönste Beinkleid aller Zeiten.

Stark wie Stahl, fein wie ein Spinnennetz

Charles Stine, damaliger Manager des US-amerikanischen Chemiekonzerns DuPont kündigte 1938 eine Entwicklung an, die seinem Haus-Chemiker Wallace Carothers gelungen war: "Ich kündige hiermit zum ersten Mal eine absolut neue Kunstfaser an. Die erste von Menschenhand hergestellte organische Textilfaser, die ausschließlich aus Materialien des Mineralreichs besteht. Obwohl es aus nichts anderem als gängigen Rohstoffen wie Kohle, Wasser und Luft besteht, kann Nylon zu Fäden gezogen werden, die stark sind wie Stahl, fein wie ein Spinnennetz, aber geschmeidiger als jede gebräuchliche Naturfaser, mit einem wunderbaren Glanz."

Nylon in den USA, Perlon in Deutschland

Aus Erdölbestandteilen hatte Carothers ein Endlosmolekül synthetisiert, ein Polymer. Dieses Polymer, genannt "Nylon", lässt sich zu endlos langen, beliebig dünnen, sehr haltbaren Fäden ausziehen. Ein sensationeller Fund.

Was niemand wusste: Zeitgleich und völlig unabhängig von der Arbeit des Wallace Carothers machte in Deutschland der Forscher Paul Schlack am 29. Januar 1938 dieselbe Entdeckung. Schlacks Kunstfaser erhielt den Namen "Perlon".

Vielseitig einsetzbar

Die wunderbar elastischen, durchsichtigen und trotzdem wärmenden Damenstrümpfe waren zu Anfang nur Nebenprodukte der Perlon-Industrie. Zunächst bemächtigte sich die Kriegsindustrie der widerstandsfähigen Substanz. Sie wurde zu Schläuchen in Flugzeugreifen, Fallschirmschnüren, Schiffstauen, Nahtmaterial für Wunden und vielem mehr. Als Beinbekleidung mussten sich die meisten Frauen noch mit altbekannten Materialien zufrieden geben. Eine Zeitzeugin erinnerte sich: "Wir haben sie 'die Plattierten' genannt: Strümpfe aus einem Baumwollgemisch, oder aber aus dünner Wolle. Aber sie waren dauernd kaputt, und man hat fast jeden Abend sitzen und Strümpfe stopfen müssen. Diese synthetischen Strümpfe waren wirklich eine Erlösung."

Problem: Laufmasche

Mit der US-amerikanischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg begann auch in Deutschland der Siegeszug der Strümpfe aus Kunstfaser. Fast unsichtbar, glänzend und unwiderstehlich elegant - und praktisch. Löcher wie Wollstrümpfe bekamen die neuen Perlon- oder Nylonstrümpfe nicht. Dafür etwas anderes, ganz neues: Laufmaschen. Zur Zeit der ersten, kostbaren Nachkriegs-Nylons ein wahres Drama, wie eine Zeitzeugin berichtete: "Trotz allen Aufpassens hatte ich dann doch schnell eine Laufmasche - da kamen einem wirklich fast die Tränen."

Massenprodukt

Durch rasante Nachfrage zum billigen Massenprodukt geworden, entlocken Strümpfe mit Laufmaschen heutzutage niemandem mehr eine Träne. Durch Zusätze weiterer Stoffe konnten einzelne Eigenschaften des Perlon verändert werden, die Grundsubstanz ist jedoch bis heute in ihrer chemischen Struktur unverändert. Außer in der Bekleidungsindustrie wird Perlon eingesetzt als Material für Angelschnüre, Teppichfasern, Borsten auf Zahnbürsten, in Industriesieben und unendlich vielen weiteren Anwendungen. Auch Tennisschläger sind mit Perlonschnüren bespannt.

Autorin: Catrin Möderler
   
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