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8.10.1958: Erster Herzschrittmacher
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Was muss das menschliche Herz im Laufe eines Lebens alles aushalten: Liebeslust, Liebesleid, körperliche Höchstleistungen und nervliche Anspannung lassen das Herz höher schlagen, bringen es mitunter zum Rasen. Vielfältig sind die Auslöser für Herzklopfen, Herzflimmern, Herzstolpern, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz.

Überschaubar dagegen sind die Funktionen eines der wichtigsten Organe: Das Herz versorgt alle anderen Organe und Gefäße mit Blut. Es verfügt über ein eigenes Kammersystem, mit zwei Hauptkammern und zwei Vorhöfen, in dem sich rhythmische Impulse bilden, die die Herzklappen wie eine Schleuse bewegen und die Herzkammern ausdehnen, so dass sie sich mit Blut füllen und zusammen ziehen, um das Blut weiter zu pumpen.

Ein Sinusknoten im rechten Vorhof bestimmt die Herzschlagfolge, der wie die Zündkerze eines Verbrennungsmotors wirkt. Wie ein natürlicher Schrittmacher treibt er das Herz zur Kontraktion an. Aber wehe, dieser Schrittmacher versagt, dann schlägt das Herz nicht mehr wie üblich in Ruhe kräftig rhythmisch 60 bis 70 Mal pro Minute, sondern nur noch 20-30 mal. Mit dieser Frequenz kann kein Mensch Leistungen vollbringen:

"Wenn sie aufstehen morgens, oder wenn sie längere Zeit gesessen haben und aufstehen, das ist dann in der Regel so, dass nicht genügend Blut durch den Kreislauf geht und die Patienten sogar nicht nur Schwindelanfälle, sondern Ohnmachtsanfälle bekommen können. Und das ist für den Hausarzt dann ganz entscheidend, den Patienten zu weiteren Untersuchungen und dann zur Schrittmacher-Implantation zu schicken."

In diesen kritischen Fällen ist der Rat von Ärzten wie vom Gießener Schrittmacher-Spezialisten Dr. Wilhelm Alfred Stertmann gefragt.

Über viele Jahrhunderte haben sich Patienten mit diesem Leiden plagen müssen, obwohl der italienische Arzt und Naturforscher Luigi Galvani bereits 1780 bei seinem legendären Froschversuch entdeckte, dass sich das Herz des Tieres durch elektrische Stromstösse stimulieren lässt.

Anfang des 19. Jahrhunderts gelingt es, Leichenherzen durch den Antrieb einer Pendeluhr anzutreiben. 1882 können Wissenschaftler erstmals die Anzahl von Herzschlägen durch elektrische Stimulation des Herzens von außen ändern. Doch bis zur Einpflanzung eines kompletten Herzschrittmachersystems vergehen erneut fast 70 Jahre.

Am 08. Oktober 1958 implantiert Dr. Ake Senning in Stockholm Arne Larrson den weltweit ersten "Pacesetter": Plötzlich vorübergehender Herzstillstand hat der schwedische Chirurg diagnostiziert, nachdem der begeisterte Sportler infolge einer Leberinfektion wieder ein Mal das Bewusstsein verloren hat - was bis zu 30 Mal am Tag geschieht.

Der 41-jährige gilt als hoffnungsloser Fall ehe er bei Dr. Senning landet. Und der schreitet zur Tat: Unter Vollnarkose öffnet er eine Vene im Oberarm, schiebt zwei Leitungen zum Herzen und verankert sie dort.

Danach pflanzt er einen künstlichen, batteriebetriebenen Taktgeber, der so groß wie eine kreisrunde Schuhputzdose aus Kunststoffharz ist, in eine Hauttasche im Brustbereich und verbindet Kabel und Schrittmacher. Allmählich und immer intensiver wird das Herz durch minimale Stromstösse stimuliert. Arne Larrsons Herzfrequenz erhöht sich, ausreichend Blut wird transportiert.

Immerhin fünf Monate hält die Batterie, dann muss sie ausgetauscht werden. Die Lebensqualität des Erkrankten verbessert sich durch das Implantat deutlich. Er kann fortan auf weitere Medikamente verzichten.

Bis jetzt ist viel mit atombetriebene Batterien, Akkus, die sich, angeschlossen an eine Ladestation außerhalb des Körpers, durch die Haut wieder aufladen lassen, geforscht und experimentiert worden.

Den rund 35.000 Menschen mit Herzrhythmusstörungen in Deutschland, die sich jährlich einen Herzschrittmacher implantierten lassen, wird bei in einer ein- bis zweistündigen Operation bei örtlicher Betäubung ein Fünf-Mark-Stück großer und 20g leichter Mikrochip aus Titan mit einem elektronischen Gedächnis eingesetzt. Ambulant. Bald schon, erklärt Dr. Wilhelm Alfred Stertmann, sind sie leistungsfähiger als vor dem Eingriff:

"Wir haben eine eigene chirurgische Schrittmacher-Ambulanz. In der Regel ist es so, dass die Patienten vor Ort während der OP bereits eine Ersteinstellung bekommen und dann natürlich erneut eingestellt werden, das heißt, die Funktionen des Schrittmachers werden auf die Bedürfnisse des Patienten eingestellt, damit der Patient im Notfall von dem Aggregat profitiert. Es soll ihn unterstützen, es soll ihn auf keinem Fall behindern."

Alle sechs Monate müssen sie zur Nachkontrolle. Mittels Funkwellenübertragung werden alle Unregelmäßigkeiten im Rhythmus der Herzfrequenz, jede Aufregung des letzten Halbjahres auf ein EKG-ähnliches Protokoll übertragen.

Ein Herzschrittmacher kann bis zu 15 Jahren dauerhaft den Herzschlag steuern. Die Operation ist für die Mediziner eine Routineeingriff, doch die Tatsache, dass ein Fremdkörper mit einem Organ zu einer funktionierenden Einheit verbunden werden kann, grenzt auch Jahrzehnte nach dem der erste Schrittmacher eingesetzt worden ist immer noch an ein Wunder.

Autorin: Karin Jäger
   
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