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24.9.1991: Markus Wolf stellt sich
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Es war fast wie ein Krimi: Der erfolgreichste Spionagechef Europas, Markus Wolf flieht in einer Nacht- und Nebelaktion aus der noch existierenden DDR ins Ausland, wenige Tage vor den offiziellen Feierlichkeiten der Wiedervereinigung. Seine Frau Andrea erinnert sich in einem Fernsehinterview an diese unruhigen Stunden und Tage:

Andrea Wolf: "Wir wussten, dass am 3. Oktober also die Verhaftung stattfinden sollte, und die Anwälte haben uns empfohlen, sie waren bei uns in der Wohnung, und wir sprachen darüber, und alle waren der Meinung, erst mal weg. Also am 27. September sind wir dann mit unserem Auto und unseren Papieren losgefahren von Berlin übers Erzgebirge in die Tschechoslowakei und von dort aus nach Österreich."

Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hatten gegen Wolf einen Haftbefehl wegen Landesverrat erwirkt. Er, der schon längst nicht mehr im Staatsdienst war, sich inzwischen als Schriftsteller einen Namen gemacht hatte, der kritisch der DDR-Führung gegenüberstand, der sich selbstkritisch mit seiner eigenen Tätigkeit im Ministerium für Staatssicherheit auseinander setzte, war mittlerweile fast zu einem Dissidenten mutiert. Für die Nachrichtendienste in Ost und West war Wolf gleichermaßen interessant.

Markus Wolf über seine Flucht: "Zur Sicherheit ist also der Sohn und Andrea mit meinem Volvo erst über die Grenze gefahren, und ich bin dann mit dem Lada und meinem Schwiegervater und meiner Schwiegermutter, wir sind dann gefolgt. Ich hatte natürlich dafür gesorgt, dass Dinge, die mich oder andere belasten konnten, nicht mehr da waren, aber es ist natürlich schwierig, bei der Menge von Unterlagen und Material einzuschätzen, was könnte vielleicht von Interesse sein für die Untersuchungsbehörden."

Wolf lässt sich einen Bart wachsen und narrt so die österreichischen Behörden. Wolf wird nicht gefunden. Vier Wochen später ruft er eine geheime Nummer in Moskau an. Das Ehepaar wird von einem Auto des KGB, des sowjetischen Geheimdienstes, abgeholt und nach Moskau ausgeflogen. So kehrt der ehemalige Spionagechef in seiner höchsten Gefahr an den Ort zurück, wo er einst seine Wurzeln hatte.

Nach einem Jahr Asyl verlässt das Ehepaar Wolf Moskau und reist wieder nach Österreich. Am 24. September 1991 stellt sich Markus Wolf den deutschen Behörden. Die DDR, aus der Wolf geflohen ist, existiert nicht mehr. Der Generalbundesanwalt lässt Wolf verhaften. Mit zwei gepanzerten Limousinen geht die Fahrt nach Karlsruhe, und dort bleibt Wolf lediglich sieben Tage in Haft. Im Mai 1993 wird ihm in Düsseldorf der Prozess gemacht. Er wird wegen Landesverrat in Tateinheit mit Bestechung zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Strafe wird unter Auflagen ausgesetzt.

Während des Verfahrens im Düsseldorfer Oberlandesgericht zeigt sich das Ausmaß des Spitzel-Apparates namens Stasi: 1000 Hauptamtliche Mitarbeiter, 10.000 Inoffizielle Mitarbeiter in der ehemaligen DDR, aber auch in Westdeutschland spionierten 1500 sogenannte "Inoffizielle Mitarbeiter" für die Stasi: Parteisoldaten, Abenteurer, Gesinnungstäter, Idealisten, Bundestagsabgeordnete, Romeos, Julias. Wolfs Leute spionierten überall, in den Ministerien, in Behörden, bei Politikern.

Prominentestes Opfer: Willy Brandt. Brandt galt als Wegbereiter und Architekt der Ostverträge, vertrat gegen die CDU-Opposition die Devise: Wandel durch Annäherung - und scheiterte. Er stürzte über Wolfs Maulwurf Günter Guilleaume.

Wolf im Rückblick: "Ich habe es als politischen Auftrag der Parteiführung gesehen, und darüber wird nicht diskutiert, wenn man heute sagt, wie kann man freiwillig in den Teil des Unterdrückungsapparates hineingehen, so wie es heute ja vielfach gesehen wird. Für mich war das damals nicht ein Teil des Unterdrückungsapparates, das war ein Kundschafterauftrag, etwas, was ich früher aus Film und aus der Sowjetunion als etwas Romantisches und Wichtiges und Ehrenvolles sah."

Wolf galt als schillernde Persönlichkeit. Der Sohn eines jüdischen Arztes wuchs großbürgerlich, aber im kommunistischen Gedankengut auf. Ausgebildet in Moskau, berichtete er als Journalist über den Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg.

Dann übernahm er mit 29 Jahren als jüngster General der DDR den Geheimdienst. Er machte steile Karriere, bekommt Orden über Orden. Er war Europas erfolgreichster Spionagechef, um den sich Legenden rankten. Der SPD-Politiker Egon Bahr, maßgeblich an den Ost-Verträgen beteiligt, kann seine Bewunderung für den hochintelligenten Wolf nicht verhehlen:

Bahr: "Mensch, wir wären natürlich glücklich gewesen, wenn wir einen solchen Chef mit dessen Fähigkeiten an unserer Seite gehabt hätten, der für uns gearbeitet hätte."

Markus Wolf starb 2006, im Alter von 83 Jahren, in Berlin und wurde dort mit einer pompösen Zeremonie beigesetzt. Über die Schandtaten der Stasi wurde bei seiner Grablegung kein Wort verloren.

Autorin: Doris Bulau
   
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