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10.9.1987: "Mr. Tagesschau" nimmt Abschied
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Das lange Ende der Karriere von Karl Heinz Köpcke leitete die so genannte Gähn- und Raschelaffäre ein. Es war die Zeit, in der die Tagesthemen erstmals auf Sendung gingen - 1978 war das. Köpcke hatte dagegen protestiert, dass bei der neu eingeführten Sendung der Nachrichtensprecher, also auch er, an einem Katzentisch, neben dem Moderator der Tagesthemen platziert wurde.

Durch unüberhörbares Gähnen und Rascheln mit den Blättern zeigte er seinen Unmut bei der ersten Tagesthemen-Sendung. Köpcke musste sich in seine Rolle fügen - bis zum 10. September 1987, als er zum letzten Mal in der Tagesschau die Nachrichten verlas und einen verbitterten Abschied vom Hochamt des deutschen Nachrichtenjournalismus nahm.

Karl Heinz Köpcke: "Guten Abend meine Damen und Herren."

Karl Heinz Köpcke wurde am 29. September 1922 in Hamburg als Sohn eines Technikers geboren. Er legte gerade sein Abitur ab, da wurde er in den Kriegsdienst eingezogen. Seine berufliche Karriere begann ein Jahr später, 1946, bei Radio Bremen. Köpcke war zunächst Sprecher im Hörspiel- und Schulfunkbereich und moderierte eine Quizsendung.

Seine sonore Stimme und seine als seriös empfundene Vortagsweise verhalfen Köpcke ein paar Jahre später zum damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk. 1949 wurde er dort erster Nachrichtensprecher im Hörfunk. Der Fernsehbetrieb beim NWDR wurde erst Anfang der 50er Jahre aufgenommen.

Am 26. Dezember 1952 war es dann soweit. Die Tagesschau ging auf Sendung. Über Jahre wurde zusammengeschnittenes Filmmaterial der Neuen Deutschen Wochenschau verwendet. Was fehlte, war ein Sprecher im Bild. Die Nachrichten wurden nur aus dem so genannten OFF gesprochen. Das änderte sich dann mit dem 2. März 1959.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Tagesschau ist ein Sprecher auf dem Bildschirm zu sehen gewesen. Es war Karl Heinz Köpcke. Schnell erreichte er einen Bekanntheitsgrad, der dem eines Uwe Seeler oder eines Bundeskanzlers entsprach. Die Nation verlieh ihm Spitznamen wie Mr. Tagesschau oder Mr. 20.00 Uhr. Besonders sein Äußeres geriet in die Klatsch- und Tratschspalten der deutschen Boulevardpresse: die Anzüge, seine Krawatten, der vergessene Ehering, nichts blieb unbemerkt. Und dann noch dies:

Karl Heinz Köpcke "Der Tarifstreit in der deutschen Metallindustrie hat sich verschärft."

Ein Skandal. Köpcke war aus seinem Sommerurlaub zurück und erschien auf dem Bildschirm mit Oberlippenbärtchen. Die Nation hatte wieder ein Thema und rief - ja protestierte: Der Bart muss weg. Die öffentliche Aufmerksamkeit riss während seiner Tätigkeit als Tagesschausprecher nie ab, mehrere hundert Verehrerzuschriften soll Köpcke täglich erhalten haben.

Leserbrief: "Sie verhalten sich so absolut korrekt, dass ich mich einfach freuen muss an Ihrem Auftreten. Ob allen auffällt, mit welch eleganter Handbewegung sie das Blatt halten? Mich alleine in meinem Zimmer macht es glücklich, dass dann und wann ein Mensch erscheint, der Vornehmheit ausstrahlt, die fern jeder Affektiertheit ist."

Ohne Anflug von Individualität, ohne sichtbare Emotionen, gediegen, zuverlässig und korrekt, das verkörperte Karl Heinz Köpcke als Sprecher der Tagesschau. Kritiker hingegen mutierten seinen Verlautbarungsstil, gleich dem eines Regierungssprechers. Die TAZ sprach später vom getreuen Buchhalter des Weltgeists. Ohne Fehl und Tadel - mit geringen Ausnahmen.

Karl Heinz Köpcke: "Obwohl Piusch kein Jude ischt, habe ihm die sowjetischen Behörden kein Ausreisevisum nach Israel ausgestellt. .... Mensch, ich hab' das ja mit den SCH!"

Parallel zu seiner Arbeit, versuchte sich Köpcke auch als Schriftsteller. Seine 1973 erschienen Anekdotensammlung verkaufte sich gut 20.000 Mal. Ein Achtungserfolg. Sein im Jahr darauf erschienener Roman "Bei Einbruch der Dämmerung" blieb indes wie Blei in den Regalen liegen.

Am 10. September 1987 war Köpcke zum letzten Mal als Tagesschausprecher auf Sendung. Im Zorn soll er geschieden sein - Jahre nach der Gähn- und Raschelaffäre. Er hatte ein von der Chefredaktion geplantes Abschiedsfest abgelehnt und trat, weil u.a. eine bereits bewilligte Gehaltserhöhung nicht gewährt wurde, verärgert von der Medienbühne.

Vielleicht passte er auch einfach nicht mehr ins System. Der Hanseat war im Fernsehen immer nur Sprecher und keine Persönlichkeit. Köpcke blieb Zeit seines Lebens ein kleinbürgerlicher Mensch. Er bevorzugte die eigenen vier Wände und bezeichnete sich selber - Zitat - als "langweiliger Mensch".

Köpcke plante nach seinem Abschied, seiner Reiselust zu frönen und sich der Schriftstellerei zu widmen. Doch daraus wurde nichts, das Schicksal meinte es nicht gut mit dem Pensionär. Kurz hintereinander starben seine Frau Gertie und seine Mutter. Köpcke selber war an Krebs erkrankt. Nach 19 Operationen war sein Lebenswillen gebrochen. Am 27. September, zwei Tage vor seinem 70. Geburtstag, erlag er seinem Leiden.

Autoren: Oliver Ramme
   
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