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1.9.1972: Fischer schlägt Spasski
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e2-e4, c7-c5, Springer g1 nach f3, Bauer e7 nach e6 - so begann an jenem 1. September 1972 der Endkampf bei der Schachweltmeisterschaft im isländischen Reykjavik. Am Ende dieser 21. Partie gab der Russe Boris Spasski auf. Der US-Amerikaner Bobby Fischer hatte gewonnen. Ein Zeitzeuge erinnerte sich an die Bedeutung dieses Sieges: "Es war insofern historisch, als es das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg war, dass ein nicht-sowjetischer Spieler Weltmeister wurde. Fischer hatte also das Ziel, das er sich gesteckt hatte, erreicht nämlich die Phalanx der Sowjetspieler zu brechen."

Die Sowjetunion war regelrecht geschockt vom Sieg des US-Amerikaners. Dabei war ein Sieg Bobby Fischers nicht völlig unerwartet gewesen. Dazu sagte ein Zeitzeuge: "Er war zu der Zeit auf jeden Fall der bessere Spieler gegenüber Boris Spasski, und er hat seine Fähigkeiten, die auch im psychologischen Bereich lagen, sicherlich besser umsetzen können. Er stand nicht so unter Druck wie Boris Spasski, und er hat von Beginn an, wenn man sich den Wettkampf anschaut, mit Dingen hantiert, die eigentlich in die Psyche der Gegner hinein ging und damit auch einen, wie Boris Spasski, der nach außen wie der russische Bär aussieht, der völlig ruhig ist, den hat er wohl doch damit beeinflussen können."

In der Tat hatte Fischer im Vorfeld der Begegnung einen regelrechten Nervenkrieg geführt. Zunächst war der Turnierbeginn auf den 2. Juli festgelegt worden, doch Fischer erschien nicht. Dann gab es Unstimmigkeiten, Verhandlungen über die am Turnierort installierten Fernsehkameras und schließlich eröffnete um 17.00 Uhr nachmittags am 11. Juli Spasski die Weltmeisterschaft.

Spannung in Reykjavik

Fischer erschien mit sieben Minuten Verspätung, auch das psychologische Kalkül. Fischer verlor die erste Partie. Zur zweiten erschien er erst gar nicht, aus erneutem Protest gegen die Fernsehkameras und verlor damit ohne Spiel eine weitere Partie. Spasski lag damit bereits zwei zu null in Führung. Die Spannung stieg in Reykjavik.

d2-d4, Springer g8 nach f6, c2-c4, e7 nach e6. Springer g1 nach f3. Bauer c7 nach c5. Fischer spielte Schwarz und die moderne Benoni Verteidigung, bei der, so heißt es in einem Schachbuch über diese Partie, "Schwarz Weiß eine zentrale Bauernmajorität einräumt und sich selbst eine Bauernmehrheit auf dem Damenflügel sichert."

Bis zum zehnten Zug standen sich Fischer und Spasski gleichwertig gegenüber. Doch dann war Spasski für einen Moment unkonzentriert und Fischer übernahm ab dem elften Zug klar die Initiative. Nach 41 Zügen und einer Vertagung gab Spasski auf. Spielstand eins zu zwei für Fischer. In der fünften und sechsten Begegnung gewann Fischer erneut und nach einem Remis stand es da bereits 3 1/2 zu 2 1/2 für Fischer.

Fischers Krönung

Weltweit wurde über die Partie in Island berichtet. Die Schachbegeisterung in den USA und sogar in Österreich führte zu einem Ausverkauf an Schachbrettern. Selbst in der Boulevardpresse wurden die Partien abgedruckt.

Für einen Zeitzeugen war es der erfrischende Spielstil Fischers, der den Reiz der Begegnung ausmachte: "Für mich war es immer das Interessante, dass er einen kämpferischen Stil hatte. Er war ein guter Taktiker, er hat klare Linien, Angriffspartien bevorzugt und insofern glaube ich auch, dass er Schach damals weiter entwickelt hat. Für mich als Schachspieler war es damals interessant, dass er Königsgambit gespielt hat, dass er die Variante Nimzo-Sizilianisch gewählt hat, die sehr schnell zu Verwicklungen geführt haben, aber irgendwo die klare Linie erkennbar gewesen ist."

1. September 1972. Nach sieben Remis stand es 11 1/2 zu 8 1/2 für Fischer. Er brauchte noch einen Punkt, um Weltmeister zu werden, der erste US-amerikanische im Spiel der Könige. Nach zwei Stunden und 36 Minuten gab Spasski im 41. Zug nach einer Nacht der Analyse auf. Es sollte Fischers Krönung und gleichzeitige Abdankung werden. Bei der nächsten Begegnung 1975 trat er als amtierender Weltmeister nicht mehr an. Anatoli Karpow wurde wegen Fischers Nichtantreten zum neuen Weltmeister erkoren. Fischer lebte seit dem Frühjahr 2005 in Island, wo er am 17. Januar 2008 starb.


Autor: Jens Teschke
   
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