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11.8.1934: Letzte Frauenweltspiele
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Zwei Tage lang wetteifern Sportlerinnen aus 18 Nationen noch einmal um Medaillen in zwölf leichtathletischen Disziplinen, spielen außerdem Basketball und Hazuma, eine Art Feldhandball. Doch die vierten inoffiziellen Olympischen Spiele für Frauen vom 9. bis 11. August 1934 in London sind zugleich die letzten ihrer Art und der Beginn einer neuen Ära im Sport:

Durch allmählich gewachsenes Selbstbewusstsein haben sich die Amazonen der Aschenbahn ihren Sportplatz erkämpft. Bis dahin jedoch gelten Frauen, die sich im sportlichen Wettkampf miteinander messen, als rotes Tuch in den Augen der Herren Sportfunktionäre. "A horse sweats, am man perspires, but a lady only glows" – ″Ein Pferd schwitzt, ein Mann transpiriert, aber eine Dame sollte nur glänzen″.Dieser Satz kennzeichnet die Einstellung zum Frauensport im 19. Jahrhundert, an dessen Ende sich lediglich das Turnen und mit Abstrichen Radfahren und Reiten - selbstverständlich im Damensattel - durchgesetzt haben.

Thema: Rollenverteilung

Die Gegner des Frauensports sehen die "natürliche Rollenverteilung der Geschlechter" bedroht, denn Attribute wie Kampf, Leistungsdenken und Siegeswillen sind bis dato ausschließlich den Herren der Schöpfung vorbehalten.

"Wie kläglich mutet der Anblick von weiblicher Erschöpfung - wie widerwärtig Zeichen maskuliner Stärke im Ausdruck weiblicher Wesen", gibt ein Geschichtsschreiber angewidert zu Protokoll. Aus ästhetischen, ethischen und medizinischen Gründen sollen Frauen daher vom Wettkampfgeschehen ferngehalten werden.

Pierre de Coubertin, Gründer der modernen Olympischen Spiele, sieht die Lebensaufgabe der Frau als Gefährtin des Mannes und Familienmutter - eine Selbstverwirklichung durch sportliche Betätigung hält der französische Baron für nicht erforderlich. Noch zwei Jahre vor seinem Tod 1935 schreibt er: "Die Rolle der Frau bei den Olympischen Spielen soll die gleiche Rolle wie bei den antiken Spielen sein. Das heißt, sie sollen den männlichen Sieger mit dem Lorbeerkranz bekränzen." Folglich finden die ersten Spiele der Neuzeit 1896 in Athen ohne weibliche Beteiligung statt.

Fédération Sportive Féminine Internationale

Dass in Paris vier Jahre später zwölf Frauen als Siegerinnen im Tennis und Golf gekürt werden, beruht auf der Tatsache, dass die Spiele in die Weltausstellung eingebunden sind, sie sich über fünf Monate hinziehen und das Internationale Olympische Komitee IOC dabei völlig in den Hintergrund gedrängt wird. Immerhin: Beim Olympischen Geschehen 1920 in Antwerpen beteiligen sich 76 Frauen aus zwölf Nationen bei Tennis-, Eiskunstlauf-, Segel-, Turn- und Schwimmwettkämpfen.

Nachdem sich der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF und das IOC beharrlich weigern, trotz starker Entwicklung auf den nationalen Ebenen sich mit Frauen-Leichtathletik zu befassen, gründen Repräsentanten beiderlei Geschlechts aus Großbritannien, den USA, Italien, der damaligen Tschechoslowakei und Frankreich 1921 in Paris die Fédération Sportive Féminine Internationale - kurz FSFI.

Ein Jahr später organisiert die selbstbewusste Präsidentin Alice Milliat an gleicher Stelle die ersten Frauenweltspiele; die in Göteborg und Prag folgen. Die Veranstaltungen verringert nicht das Bemühen der FSFI, sich auch weiterhin für die Zulassung bei Olympischen Spielen einzusetzen.

Die Fragen der Sittlichkeit

Doch ist es nicht den engagierten Frauen, sondern dem Schweden Bengt Edström zu verdanken, der sich in seiner Doppelfunktion als IAAF-Präsident und IOC-Vizepräsident dafür stark macht, so dass Leichtathletinnen aus 18 Nationen 1928 erstmals um olympische Ehren, laufen, springen, werfen dürfen. Doch das Programm umfasst lediglich fünf Wettbewerbe: Hürdenlaufen beispielsweise bleibt den Männern vorbehalten, weil es als unsittlich eingestuft wird wie alle Übungen, bei denen die Beine über den Körperschwerpunkt gehoben oder gar gegrätscht oder gespreizt werden müssen.

Als sich einige Läuferinnen nach dem 800-Meter-Rennen ins Gras fallen lassen, entbrennt wieder eine heftige Diskussion über den Sinn der Frauen-Leichtathletik. Jahre später lassen sich die weiterhin keineswegs frauensportfreundlich eingestellten IOC-Mitglieder erweichen, das Frauenprogramm bei Olympischen Spielen zu erweitern: unter einer Bedingung, die FSFI soll ihre Frauenweltspiele und auch ihre Organisation aufgeben.

So finden vom 9. bis 11. August 1934 in London die letzten Frauenweltspiele statt. Der 11. August läutet indirekt das Ende der Fédération Sportive Féminine Internationale ein - eine offizielle Auflösung soll es nie gegeben haben.


Autorin: Karin Jäger
   
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