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1.7.1993: Neue Postleitzahlen für Deutschland
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"Jetzt haben wir den Zahlensalat", "Mittelstandsfrust wegen Postleitzahlen" oder auch mal ganz entsetzt: "Für eine Straße fünf Postleitzahlen". Oder "Krank durch neue Postleitzahl" - so titelten die Zeitungen und Zeitschriften, als 1993 aus der vierstelligen eine fünfstellige Postleitzahl werden sollte. Was die einen - vor allem die Post - einen historischen Moment nannten, war für die anderen ein absehbares, katastrophales Chaos. Für letztere wurden die neuen Post-Leit-Zahlen mit "t" zu Post-Leid-Zahlen mit "d". Die Einführung von neuen Postleitzahlen aber war unabwendbar.

Notwendigkeiten

"Warum brauchen wir neue Postleitzahlen? Die Wiedervereinigung hat das notwendig gemacht. Wir hatten durch die Wiedervereinigung zwei nicht zueinander passende Systeme, und wir hatten viele Dubletten. Also Bonn hatte die 5300 und Weimar auch. Und wenn jemand das W oder O nicht davor geschrieben hat, dann kam die Post eben entweder in Weimar an, wenn sie nach Bonn sollte oder umgekehrt." So erklärte Gerd Schukies, der damalige Kommunikationschef der Deutschen - damals anno 1993 noch - Bundespost, die Notwendigkeit der neuen Leitzahl. Klarheit in dem Ost-West-Wirr-Warr mit den doppelten Postleitzahlen sollte her. 26.400 Postleitzahlen wurden neu vergeben.

Das zweite Ziel: eine schnelle und zügiger funktionierende Briefbeförderung - und vor allem eine billigere. Personalkosten sollten eingespart und die Briefsortierung automatisiert werden. Neue, vollmaschinelle Briefzentren sollten gebaut werden nach der Einführung der neuen fünfstelligen Postleitzahl, denn für solch eine computergesteuerte Briefsortierung waren vier Stellen als Kennzahl zu wenig.

"Das sind fünf Stellen anstelle der bisher vier Stellen. Und diese fünf Stellen, die steuern jetzt differenzierter und genauer ein Gebiet an. Ich sage jetzt mal: Hamburg hat die 2000. Also es wird nicht Hamburg angesteuert, sondern ganz differenziert ein Zustellbezirk, und das leisten dann diese fünf Stellen. Und dadurch können wir direkter die Punkte ansteuern, von denen die Post zum Kunden geht," erläuterte Schukies.

Zweistellig, vierstellig, fünfstellig

Eingeführt worden war die Postleitzahl wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Zunächst nur zweistellig, nach Regionen geordnet. Sachsen beispielsweise bekam eine 10 und aus der wurde dann, als diese Angabe nicht mehr ausreichte, eine 10a und eine 10b.

1961 kam in der Bundesrepublik die vierstellige Postleitzahl, auch hier unter lautstarkem Protest. Die vier Ziffern kamen aber trotzdem und waren erfolgreich. Ein Land nach dem anderen machte das neuartige "Brief-System mit Autonummern" - wie die Tageszeitung "Die Welt" es nannte - nach. 1963 die USA und 1964 dann die DDR. Die unpraktischen Dopplungen à la "5300 gleich Weimar und gleich Bonn" entstanden, etwa die Hälfte der DDR- Städte hatte "West"-Nummern.

Ablehnung also schon 1961 und Ablehnung wieder 32 Jahre später. Und tatsächlich - die Kritiker frohlockten - ging 1993 bei der Vergabe der neuen Zahlen nicht alles glatt über die Bühne: So wurde die ein oder andere Zahl doppelt vergeben oder nicht mehr existierende Dörfer wurden wieder belebt, das Dorf Billmuthausen beispielsweise. Es erhielt die Postleitzahl 98663, obwohl das Dorf in den 70 Jahren von DDR-Grenzern nach der Zwangsaussiedlung der Bewohner abgerissen und anschließend eingeebnet worden war.

Ein funktionierendes System

Aber allen Kritikern zum Trotz: Das neue System funktionierte - ohne das prophezeite Postleitzahl-Chaos. Mittlerweile befördert die Deutsche Post mit Hilfe der automatischen Briefsortiermaschinen 70 Mio. Briefe pro Tag.

Es gebe zwar immer noch Briefeschreiber, so erklärte der Post-Sprecher Dieter Pietrock weiter, die sich weiterhin beharrlich weigern, mehr als vier Zahlen vor den Wohnort des Empfängers zu schreiben, aber immerhin: Bei 99 Prozent der Sendungen steht heute die korrekte Postleitzahl auf dem Kuvert. Und rund 90 Prozent der Briefe erreichen den Empfänger am nächsten Tag.


Autorin: Maren Hellwege
   
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