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6.5.1980: Randale bei Bundeswehrfeier
Beim Verlesen der Nachrichten am Morgen des 7. Mai 1980 unterlief der Sprecherin von Radio Bremen ein bezeichnender Fehler: "Bei der Verteidigung von 1.200 Bundeswehrrekruten ist es gestern Abend zu schweren Krawallen gekommen." Kurze Pause - dann korrigierte sie sich: "Verzeihung, bei der Vereidigung."

So falsch war die erste Formulierung eigentlich nicht gewesen. Am Abend zuvor war im selben Sender die aufgeregte Stimme eines Reporters zu hören, der live aus der Umgebung des Bremer Weser-Stadions berichtete: "Das ist wie Krieg hier!"

Was war passiert? Das Bremer Weser-Stadion sollte am Abend des 6. Mai 1980 Austragungsort der zentralen Feier zum 25. Jahrestag des Beitritts der Bundesrepublik Deutschland zur NATO sein. Programmpunkte: Eine Ansprache des damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens, die traditionelle militärische Zeremonie mit dem Namen "Großer Zapfenstreich" sowie das Gelöbnis von 1.200 jungen Wehrpflichtigen, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.

Säbelraseln über militärisches Brimborium

Bremen war vom damaligen Bundesverteidigungsminister Hans Apel ausgewählt worden, weil dort 25 Jahre zuvor das erste öffentliche Gelöbnis in der Geschichte der Bundeswehr stattgefunden hatte. Bremens damaliger Bürgermeister Hans Koschnick, ein Sozialdemokrat, hatte dem Wunsch Apels zugestimmt.

Hierfür hatte Koschnick von der eigenen Parteibasis schon in den Tagen zuvor heftig Prügel bezogen: Die beiden SPD-Unterbezirke Bremen-West und Bremen-Ost, die Jungsozialisten, die Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen sowie die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, sie alle hatten Beschlüsse gegen die Feier im Weser-Stadion gefasst. Von "militärischem Brimborium" und von in Krisenzeiten "unverantwortlichem Säbelrasseln" war darin die Rede.

Stichwort Krisenzeiten - zur Erinnerung: Vier Monate zuvor waren einerseits sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschiert und die NATO hatte andererseits ihren historischen Doppelbeschluss gefasst: Nachrüstung atomarer Mittelstreckenraketen falls die Sowjetunion nicht innerhalb einer bestimmten Frist ihre vergleichbaren Systeme verschrotten würde. Beides zusammen, Invasion in Afghanistan und Doppelbeschluss hatten zu einer neuen Eiszeit zwischen Ost und West geführt.

Die angemeldete Demonstration eskaliert

"Vor diesem Hintergrund", so hatte Bürgermeister Koschnick schriftlich an seine Partei-Gliederungen appelliert, "würde ich es nicht nur für politisch schädlich, sondern geradezu für gefährlich ansehen, wenn durch sozialdemokratische Beschlüsse in Bremen der Eindruck vermittelt würde, dass wir in dieser Phase schwieriger Politik nicht hinter den Bestrebungen der von Helmut Schmidt geführten Bundesregierung stehen."

Auch der damalige Bundesverteidigungsminister Hans Apel hatte sich schriftlich an die Bremer Genossen gewandt. Unmittelbar vor der ablehnenden Beschlussfassung des Bezirksverbandes Bremen-Ost telegrafierte Apel: "Wenn es im Weser-Stadion zu Krawallen kommen sollte, schadet das sicherlich unserer Friedenspolitik und führt angesichts dieser zentralen Veranstaltung zu weltweitem Echo. Die SPD darf mit derartigen Vorkommnissen nichts zu tun haben."

Mit "Krawallen" ist das, was sich dann am Abend des 6. Mai 1980 um das Bremer Weser-Stadion herum abspielte, nur unzureichend beschrieben: Aus der von Jusos, Jungdemokraten, Gewerkschaftsjugend, kirchlichen Gruppen sowie den Studentenvertretungen der Bremer Hochschulen angemeldeten Demonstration mit über 8.000 Teilnehmern lösten sich schon nach kurzer Zeit mehrere Hundert gewaltbereite Extremisten.

Gewaltorgie und störungsfreies Rekruten-Gelöbnis

Steine flogen und Molotow-Cocktails, Straßenbarrikaden wurden errichtet, Streifenwagen und Bundeswehrfahrzeuge gingen in Flammen auf. Im Kampf - Mann gegen Mann - prügelten Polizeibeamte und Randalierer mit Gummiknüppeln auf der einen und Zaunlatten und Eisenstangen auf der anderen Seite aufeinander ein. Bilanz der in Bremen noch nie da gewesenen Gewaltorgie: 257 zum Teil lebensgefährlich verletzte Polizisten und Soldaten, 50 verletzte Demonstranten, Sachschäden von nahezu einer halben Mio. Euro.

Das Rekruten-Gelöbnis selbst ging praktisch störungsfrei über die Bühne, nachdem Bundespräsident, Verteidigungsminister und Bremer Bürgermeister aus Sicherheitsgründen per Hubschrauber ins Weser-Stadion geflogen worden waren.

Für die CDU/CSU-Opposition in Bonn waren die Bremer Vorfälle natürlich ein gefundenes Fressen: Franz-Josef Strauß, damals Kanzlerkandidat, konnte sich über einen brutalen Angriff auf die bundesdeutsche Gesellschaft erregen, der damalige Oppositionsführer Helmut Kohl der SPD-Führung vorwerfen, sie habe weder Mut noch Kraft, sich gegen die Linken in der eigenen Partei durchzusetzen. Für einen Sieg der Union reichte es indessen weder bei den fünf Tage später stattfindenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen noch bei den Bundestagswahlen im Herbst.

Politisches Menetekel

Für die SPD allerdings war Bremen ein Menetekel: Erstmals hatte sich hier der Unmut der Parteibasis mit dem außen- und sicherheitspolitischen Kurs der Regierung Schmidt manifestiert - eine Entwicklung, die zweieinhalb Jahre später nicht unwesentlich zum Machtverlust der SPD in Bonn beitrug.


Autor: Felix Steiner
   
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