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11.4.1961: Prozess gegen Eichmann
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Das Gerichtsgebäude in Jerusalem glich einer Festung, Hunderte von Polizisten kontrollieren den Ein- und Ausgang. Im Gebäude war extra für die 500 Journalisten ein Telegrafen-, ein Telefon- und ein Postamt eingerichtet worden. Im großen Pressesaal übertrugen Dutzende von Bildschirmen das Geschehen im Verhandlungsraum. Der Angeklagte saß abgetrennt in einem Käfig aus Glas.

Der Prozess gegen Adolf Eichmann, Leiter des Referats für Jüdische Angelegenheiten im Reichssicherheitshauptamt, war nach den Nürnberger Prozessen der größte Prozess, der sich mit dem nationalsozialistischen Völkermord befasste. Über 100 Zeugen, 2.000 Beweisdokumente, u. a. über 3.500 Seiten Vernehmungsprotokolle der israelischen Polizei. 14 Anklagepunkte waren erhoben worden, unter anderem Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen.

Die "Banalität des Bösen"

Die Welt erwartete ein Monster, einen grausamen und brutalen Antisemit, einen fanatischen Nationalsozialisten. Dann aber setzte sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, die Hannah Arendt auf die berühmte Formel von der "Banalität des Bösen" brachte oder wie Harry Mulisch, niederländischer Schriftsteller und Prozessbeobachter, es formulierte: "Man erwartete das Böse in Menschengestalt, aber Eichmann erwies sich als ungepflegter erkälteter Mensch mit Brille."

Eichmann war der Prototyp des Schreibtischtäters, ein subalterner Bürokrat mit wenig Eigeninitiative und ohne jedes Gefühl für Eigenverantwortung. Dies war es, was so schockierte, dass Eichmann keinesfalls ein gläubiger Hitlerianer oder überhaupt Antisemit war, er gehorchte einfach jeder Art von Obrigkeit. Diensteifrig hatte er für die NS-Vernichtungsmaschinerie gearbeitet, nun kooperierte er ebenso bereitwillig mit der israelischen Polizei, zeigte aber weder echte Reue noch Einsicht:

"In Ihrer polizeilichen Vernehmung sagten Sie, dass wenn Ihnen der Reichsführer gesagt hätte, dass Ihr Vater ein Verräter sei, hätten sie ihn eigenhändig erschossen. Ist das richtig?"
"Wenn er Verräter gewesen wäre."
"Nein, wenn der Reichsführer Ihnen gesagt hätte, hätten Sie ihn erschossen, Ihren eigenen Vater?"
"Dann setzt es voraus, er hätte es mir nachweisen müssen. Wenn er es nachgewiesen hätte, dann wäre ich verpflichtet gewesen, gemäß meinem Fahneneid."
"Hat man Ihnen nachgewiesen, dass die Juden müssen vernichtet werden?"
"Ich habe sie nicht vernichtet."

Klare Beweislage

Die juristische Beweislage war von Anfang an klar: Eichmann war verantwortlich für die Organisation der Deportationen. Er machte die Fahrpläne der Züge, die die Juden nach Osten brachten, in Ghettos, in Zwangsarbeits- oder Vernichtungslager. Eichmann war zwar ein Schreibtischtäter, aber einer, der wusste, was er plante. Mehrfach hatte er sich Massenerschießungen angesehen - die er unmenschlich fand, für die Täter, nicht für die Opfer - und Vergasungen in Auschwitz.

Eichmann bestritt vor Gericht auch gar nicht, dass er der Organisator der Todeszüge nach Osten gewesen sei; er bestritt aber, dass dies ein schuldiges Mittun an der Ermordung bedeute: "Meine Schuld ist mein Gehorsam. Meine Unterwerfung unter Dienstpflicht und Kriegsdienstverpflichtung, unter Fahneneid und Diensteid. Die Führerschicht, zu der ich nicht gehörte, hat die Befehle gegeben. Sie hat meines Erachtens mit Recht Strafe verdient für die Gräuel, die auf ihren Befehlen an den Opfern begangen wurden. Aber auch die Untergebenen sind jetzt Opfer. Ich bin ein solches Opfer. Meine Lebensnorm, die man mich schon früh gelehrt hat, war das Wollen und Streben zur Verwirklichung ethischer Werte. Von einem bestimmten Augenblick an wurde ich von Staatswegen daran gehindert, nach dieser Forderung zu leben. Aus der Einheit der Ethik musste ich in eine er Vielheiten der Moral umsteigen."

Am 15. Dezember 1961 wurde das Urteil verkündet: Tod durch den Strang. Nach der Bestätigung des Richterspruchs durch die Berufungsinstanz wurde das Urteil am 1. Juni 1962 vollstreckt.


Autorin: Rachel Gessat
   
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