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5.3.1943: Filmpremiere von "Münchhausen"
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Während das nationalsozialistische Deutschland langsam in Schutt und Asche versank, wurde am 5. März 1943 eines der ehrgeizigsten und aufwendigsten Filmprojekte der NS-Zeit uraufgeführt: "Münchhausen". Ganz im Stil der US-amerikanischen Hollywood-Komödien erzählt der Film die phantastischen Abenteuer des Lügenbarons aus Bodenwerder. Seine Kinopremiere hat "Münchhausen" im Berliner Ufa-Palast.

Mit der Regie betraute Propagandaminister Joseph Goebbels den ungarischen Unterhaltungsroutinier Josef von Baky und nicht den Blut-und-Boden-Eiferer Veit Harlan. Den Lügenbaron Münchhausen spielt Publikumsliebling Hans Albers, den Goebbels nicht ausstehen konnte, aber zähneknirschend akzeptierte. Das Drehbuch stammt aus der Feder des Kinderbuchautors und streitbaren Pazifisten Erich Kästner.

Seinen Freunden erklärte Kästner: "Der Filmauftrag kommt vom größten Lügner der Welt. Weshalb machen wir also nicht einen Film über den Lügner, der ihm am nächsten kommt, Baron Münchhausen?"

Grausame Realität übertraf Fiktion

Auch sonst hat der Drehbuchautor Kästner seine Botschaft listig hinter den Filmbildern versteckt. Zum Beispiel lässt Kästner den Grafen Cagliostro auftreten, den Dunkelmann und Freimaurer des 18. Jahrhunderts. Am Zarenhof begegnet Münchhausen dem Grafen, der ihn für seine finsteren Pläne gewinnen will. Zwischen beiden entspinnt sich ein denkwürdiger Dialog:

Cagliostro: "Wenn wir erst Kurland haben, pflücken wir Polen. Poniatowski ist reif. Dann werden wir König!"
Münchhausen: "In einem werden wir zwei uns nie verstehen: In der Hauptsache! Sie wollen herrschen; ich will leben. Abenteuer, Krieg, fremde Länder und Frauen - ich brauche das alles, Sie aber missbrauchen es!"

Was Kästner hier literarisch erfand, wurde nur von der Wirklichkeit übertroffen. Das NS-Regime hatte das lettische Kurland und Polen längst "gepflückt". Die deutsche Wehrmacht stand weit auf russischem Boden, und am Herrschaftswillen der Nationalsozialisten zweifelte niemand mehr. Neu war auch diese Figur in Kästners Drehbuch: Giacomo Casanova, der Frauenheld und scharfsichtige Beobachter seiner Zeit. Im Deutschland der allgegenwärtigen Geheimen Staatspolizei warnt Casanova auf der Leinwand Münchhausen und die schöne Prinzessin Isabella d'Este: "Das Leben ist kurz, Baron, und der Tod verjagt uns aus dem interessanten Stück, ehe es zu Ende ist. Venedig ist im Karneval ein gutes Versteck, Prinzessin! Seien Sie trotzdem vorsichtig! Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme. Und sie hat die Macht, recht und unrecht zu tun, ganz wie es ihr beliebt."

Versteckte Zeitkritik im Blockbuster

Bei seiner Filmpremiere war "Münchhausen" ein Riesenerfolg und spielte weit über 25 Millionen Reichsmark ein. "Kraft durch Freude" stand auf dem Programm der deutschen Filmindustrie. Propagandaminister Goebbels lag besonders viel an "Münchhausen", dem Jubiläumsfilm zum 25. Geburtstag der Ufa. Aus Museen und Schlössern der Berliner Umgebung wurden Möbel und Gemälde, Meißner Porzellan, Gold- und Silberbestecke zusammengetragen: bewacht von SS-Männern, die als Statisten im Film auftraten.

Der Kinostreifen bot alles, was Goebbels und die Ufa haben wollten: packende Handlung, Spannung und spritzige Dialoge. Vor allem konnten die Tricktechniker zeigen, was sie zu leisten im Stande waren. Und zwischen den Filmbildern: Kästners versteckte Zeitkritik, etwa wenn er Münchhausen über Billardkugeln philosophieren lässt. Aber es ist die eigensinnige Philosophie der kleinen Leute, die hier in Münchhausens Monolog erzählt wird, diese Mischung aus Ohnmacht, Fatalismus und "Sehen-dass-man-irgendwie-durchkommt", die dem NS-Regime die Herrschaft so leicht gemacht hat.

Münchhausen: "Du wirst jetzt da hinausgeschickt und denkst dir in deinem kleinen Elfenbeingehirn, dort sei dein Ziel. Irrtum, mein Bester! Du wirst nur hinaufgeschickt, damit du nach diesem Umweg endlich die Kugel triffst, der du zu Anfang schon so nahe warst. Soviel über den Sinn des Lebens. Und nun, glückliche Reise!"

Schreiben als Überleben

Wie ein subversiver Handlungsfaden durchziehen Anspielungen auf die Zeit den gesamten Kinostreifen und auf ihre Vergänglichkeit. Deutlich wird dies in Münchhausens Abenteuer auf dem Mond. Dort scheinen die Uhren anders zu gehen. Als Münchhausen und sein Diener aus einem kurzen Mittagsschlaf erwachen, hängen an den Bäumen schon die reifen Kirschen, die doch eben erst geblüht haben. Münchhausen und Kuchenreutter wundern sich:

Kuchenreutter: "Ja, hab ich denn ein geschlagenes Vierteljahr geschlafen?"
Münchhausen: "Nein, höchstens zwei Stunden."
Kuchenreutter: "Entweder ist Ihre Uhr kaputt, Herr Baron, oder ..."
Münchhausen: "Oder?"
Kuchenreutter: "Oder die Zeit selber."
Münchhausen: "Die Zeit ist kaputt, Christian."

Vielleicht war die Filmarbeit für Kästner auch ein Versuch, nicht mehr nur für die Schublade zu schreiben, ohne sich dabei an der Propaganda des NS-Regimes zu beteiligen: Schreiben als Überleben.

Autor: Michael Marek
   
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