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17.2.1993: Arbeitskampf im Ruhrgebiet
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Am Abend des 17. Februar 1993 geht nichts mehr in Dortmund. Von den drei Stahlwerken des Hoesch-Konzerns haben sich die Arbeiter und ihre Familien aufgemacht, um gegen die Folgen der Unternehmensfusion der Stahlriesen Krupp und Hoesch zu protestieren. Sie tragen Fackeln in den Händen und in den Häusern am Weg brennen Kerzen in den Fenstern. Zwischen 30.000 und 40.000 Menschen sind auf den Beinen während dieser "Nacht der 1000 Feuer".

Brücke der Einheit

"Wir lassen nicht zu, dass sich diese Arbeitslosenschraube immer weiterdreht, uns steht jetzt schon das Wasser bis zum Hals. Wir akzeptieren noch nicht das Motto: 'Für den Armen den Pfennig und für den Reichen die Mark'." Dieter Mahlberg, damals nordrhein-westfälischer Landesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, spricht an diesem Abend 60 Kilometer weiter westlich, auf einer anderen Stahlarbeiter-Kundgebung in Duisburg-Rheinhausen. Dort halten die Arbeiter die Rheinbrücke besetzt, die sie schon fünf Jahre zuvor bei Stahlprotesten in "Brücke der Einheit" umgetauft haben.

"Synergieeffekte" nennt Krupp-Chef Gerhard Cromme die mögliche Schließung von Hochöfen in den Städten Dortmund, Rheinhausen, Siegen und Hagen, "Entlassungen" und "Arbeitsplatzabbau" nennen es Beschäftigte und Gewerkschafter. 1993 sieht die Lage aus Sicht des fusionierten Stahlriesen Krupp-Hoesch düster aus: Es geht um 150.000 Tonnen Stahl, die zuviel produziert werden, und um 30.000 Arbeitsplätze, die in der deutschen Stahlindustrie abgebaut werden müssen.

Solidarität

Aus Sicht der Betriebsräte sind vor allem die falsche Subventionspolitik in der EU und ein nicht nachvollziehbarer, skandalöser Preiskampf die Ursache für die Verluste der Branche. Doch wenn Stahlmanager Cromme ein Ziel vor Augen hat, dann lässt er sich nicht vom Weg abbringen. Ein Störfaktor dabei: Die Solidarität zwischen den Arbeitern der verschiedenen Standorte von Krupp und Hoesch.

Gerd Pfisterer, damals Betriebsrat bei Krupp-Rheinhausen sagte später darüber: "Es ging auch darum, diese Moral kaputtzumachen, und deswegen war interessant, dass sie im Vorfeld, bevor das mit Rheinhausen bekannt gegeben worden ist, dass über Wochen in der Presse berichtet worden ist: Rheinhausen hat resigniert, hat sich schon aufgegeben, in diesem Konkurrenzkampf; im Grunde in diesem Konkurrenzkampf nach außen hin signalisiert werden sollte: denen haben wir das Rückgrat gebrochen. Diese Botschaft sollte an die anderen Belegschaften gehen."

"Stirbt der Stahl und die Kohle, dann stirbt auch das Revier"

Genützt hat der verzweifelte Widerstand der Stahlkocher nichts: Wenige Monate später, am 15. August 1993, wird das vergleichsweise moderne Krupp-Werk in Rheinhausen geschlossen. Auch die Arbeiter der Hoesch-Werke bekommen nur eine kurze Verschnaufpause: Mit der nächsten Fusion - der von Krupp und Thyssen im April 1997 - wird besiegelt, dass alle drei Hochöfen in Dortmund bis zum Jahr 2002 stillgelegt werden.

Die Gewerkschaft IG Metall hat die "Nacht der 1000 Feuer" genauso organisiert wie die Kundgebung in Rheinhausen und alle anderen Proteste. Doch IG Metall-Vertreter sitzen auch mit Stimmrecht in den Aufsichtsräten der Stahlunternehmen. Dort hätten sie ihre Macht nutzen können, um im Interesse der Beschäftigten für tragfähige Konzepte für die gesamte Branche zu kämpfen.



Autor: Johannes Duchrow
   
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