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22.1.1963: Deutsch-französischer Freundschaftsvertrag
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Die Überraschung war perfekt. Sichtlich erleichtert wandte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer nach seiner Rückkehr in Bonn an die deutschen Journalisten: "Wir haben versucht, den Franzosen zu zeigen, dass wir auch gute Nachbarn sein könnten, und wir haben versucht, den Franzosen zu zeigen, dass das gemeinsame Interesse darin liege, dass zwischen Frankreich und Deutschland ein dauerndes, gutes Verhältnis hergestellt wird."

Nicht umsonst spricht der Bundeskanzler zunächst einmal von einem Versuch. Schon sehr früh hatten beide Länder den Weg der endgültigen Versöhnung gesucht. Der französische Staatspräsident de Gaulle, seit 1958 an der Spitze des Landes, war eindeutig die treibende Kraft in diesem Prozess. Bundeskanzler Adenauer hatte eine zwiespältige Haltung: Er wusste, dass er am Ende seines politischen Weges war, wollte einerseits seinen Nachfolgern eine stabile deutsche Weltpolitik hinterlassen, zeigte andererseits wenig Begeisterung, sich eventuell wegen Frankreich von den USA und von der NATO abzukoppeln.

Zwei Staatsmänner - eine Vision

Aber eine Vision hatte beide Männer wieder geeinigt: Ein mächtiges Europa sollte nicht gegen, sondern unabhängig von den US-Amerikanern in die Weltpolitik eintreten. Der triumphalen Frankreich-Reise Adenauers im Juni 1962 folgte eine ebenso erfolgreiche Reise de Gaulles in die Bundesrepublik im September desselben Jahres.

In Ludwigsburg wandte sich der französische Präsident an die deutsche Jugend: "Ich beglückwünsche Sie ferner, junge Deutsche zu sein, das heißt, Kinder eines großen Volkes, jawohl eines großen Volkes, das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler begangen hat. Ein Volk, das aber auch der Welt geistige, wissenschaftliche, künstlerische, philosophische Werte gespendet hat."

Eine Woche, nachdem Paris einen Beitritt Großbritanniens zur damaligen EWG abgelehnt hatte, glaubten nur noch wenige an einen deutsch-französischen Vertrag. Nur der Bundeskanzler ließ sich nicht mehr umstimmen: "Diese Zusammenarbeit mit Frankreich haben wir ja nun seit Jahr und Tag gepflegt. Und Staatspräsident de Gaulle hat, nachdem er hier diesen Besuch in Deutschland gemacht hat, vorgeschlagen, dass man diese Begebenheiten zum gemeinsamen Handeln und zum gemeinsamen Überlegen zusammenfassen solle, um etwas Dauerndes und Festes zu schaffen."

Vertrauen unter Freunden

Der deutsche Bundestag stimmte dem Vertragswerk ohne verpflichtenden Charakter am 16. Mai 1963 mit großer Mehrheit zu, wurde allerdings durch eine Präambel ergänzt, die als deutliche Kritik an die gaullistische Politik verstanden werden konnte. Der Kanzler war um Schadensbegrenzung bemüht. Wie de Gaulle im Jahr zuvor auf Deutsch die Nachbarn angesprochen hatte, gab auch Adenauer seine persönliche Einschätzung in der Fremdsprache: "Ich bin der Meinung, dass das wichtigste Ereignis die Besiegelung dieses Vertrages am 22. Januar 1963 gewesen ist. Ohne diesen Vertrag gibt es keine europäische Einigung. Die Methoden können sich ändern, aber das wichtigste ist dabei, das Vertrauen seiner Freunde nie zu verlieren."

Verträge, so Kritiker damals, seien selten von Dauer und manche verglichen das Pariser Werk mit Rosen, die nicht von ewiger Dauer sind. Adenauer, selbst ein begeisterter Rosenzüchter, musste darauf antworten. Die Anekdote erzählte sein späterer Nachfolger Helmut Kohl zum 20-jährigen Bestehen des Elysée-Vertrags: "Ja, natürlich haben sie ihre Zeit, aber die Rose ist die ausdauerndste Pflanze, die wir überhaupt haben. Sie hat hier und da Dornen, man muss sie mit Vorsicht anfassen, aber sie hält jeden Winter durch. Jawohl, die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist wie eine Rose, die immer wieder Blüten bringt, die immer wieder Knospen treibt und die Winterhärte glänzend übersteht."


Autor: Gérard Foussier
   
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