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5.1.1953: "Warten auf Godot" uraufgeführt
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"Über Beckett kann ich nur sagen: ich habe ihn sehr gern und bewundere ihn zutiefst. Seine Freundschaft, die keine Kompromisse kennt, ist mir kostbar. Er ist ein durch und durch wahrhaftiger Mensch, das erstaunt mich immer wieder." Worte des jungen Regisseurs Roger Blin im Juli 1953 in der Zeitschrift "Arts", ein halbes Jahr nach der Uraufführung des Stückes "Warten auf Godot" von Samuel Beckett im kleinen Pariser "Théâtre de Babylone".

Wenngleich die Inszenierung beim Publikum zunächst nur mäßig erfolgreich war, machte sie den Autor Beckett schlagartig bekannt. Noch im selben Jahr kam die deutsche Erstaufführung im Berliner Schlossparktheater heraus, ein Jahr später brachte der große Fritz Kortner "Warten auf Godot" auf die Bühne der Münchner Kammerspiele.

Klassiker der Moderne

In wenigen Jahren begann das bürgerliche Theaterpublikum das Stück zu akzeptieren, wurde aus einem rätselhaften, einem scheinbar "absurden" Stück ein zum Theaterbetrieb gehörender Klassiker der Moderne. Einige Dramatiker hatten seine Bedeutung indessen von Beginn an erkannt - so Jean Anouilh, der ansonsten fürs Theater der Avantgarde nur Spott übrig hatte:

"Godot gehört zu den Meisterwerken, die die Menschen im Allgemeinen und die Dramatiker im besonderen hoffnungslos machen... Man kann nichts anderes tun, als den Hut ziehen - selbstverständlich eine Melone, wie im Stück - und den Himmel noch um ein wenig Talent bitten."

Wer ist Godot, auf den die beiden Vagabunden Estragon und Wladimir auf einsamer Straße an einem Baum warten, vergeblich warten? Viele Literaturwissenschaftler haben gerätselt und spekuliert. Verbirgt sich das englische "God" dahinter, mit der französischen Verkleinerungssilbe "ot"? Ist es ein von Beckett einmal erwähnter Radrennfahrer namens "Godeau", zumal Becketts Helden eine Vorliebe für Fahrräder haben? Oder der in Balzacs "Mercadet" genannte Godeau, auf den auch alle warten? Oder steckt das anglo-irische "Waiting for Godda" dahinter, eine Redensart von Landstreichern fürs Warten auf "Gott-oder-sowas"?

Der Titel bleibt ein Rätsel

Man weiß es nicht. Es ist auch unwichtig - das Warten selbst ist Gegenstand des Stückes, das Warten zweier Menschen, die sich die Zeit mit Clownerien vertreiben, mit Gerede über Selbstmord, mit Rübenessen und sinnlosen Spielchen mit Hüten und Schuhen. Zwei Herumtreiber warten - warum, wird nicht gesagt, sie wissen es selbst nicht. Warten bedeutet Zeit verstreichen lassen, bedeutet Nichtstun. Die Zeit wird erfahrbar für Schauspieler und Zuschauer im Spiel auf der Bühne, im kindlich-selbstvergessenen Spiel.

Beckett am Schiller-Theater

Samuel Beckett - 1906 in Dublin geboren, seit 1937 in Frankreich lebend, wo er 1989 starb - hat "Warten auf Godot" selbst inszeniert. So 1975 am Berliner Schiller-Theater mit Stefan Wigger und Horst Bollmann als Wladimir und Estragon sowie Carl Raddatz als Pozzo und Klaus Herm als Lucky. Bereits zehn Jahre zuvor hatte Beckett Regisseur Deryk Mendel, ebenfalls am Schiller-Theater, bei dessen Inszenierung assistiert. Auch hier waren Wigger und Bollmann die Protagonisten gewesen, allerdings in der jeweils anderen Rolle, und der unvergleichliche Bernhard Minetti hatte den Pozzo gespielt.

Regie führte Beckett, der 1969 den Literatur-Nobelpreis erhielt, am Schiller-Theater auch in "Endspiel", in "Krapp's letztes Band" mit einem grandiosen Martin Held und in "Glückliche Tage" - Stücken, die seinen Ruhm als überragenden Dramatiker mehrten. Als Darsteller des Sterbens, der Sinnlosigkeit des Lebens, des Verlöschens. Und dies ohne Larmoyanz, ohne Düsternis, sondern witzig und clownesk. Seine Stücke sind Spielvorlagen für große Schauspieler.

Estragon und Wladimir haben, wieder einmal, vergeblich auf Godot gewartet:
Estragon: "Didi."
Wladimir: "Ja."
Estragon: "Ich kann nicht mehr so weitermachen."
Wladimir: "Das sagt man so."
Estragon: "Sollen wir auseinandergehen? Es wäre vielleicht besser."
Wladimir: "Morgen hängen wir uns auf. Es sei denn, dass Godot käme."
Estragon: "Und wenn er kommt?"
Wladimir: "Sind wir gerettet."
Estragon: "Also, wir gehen?"
Wladimir: "Zieh deine Hose rauf."
Estragon: "Wie bitte?"
Wladimir: "Zieh deine Hose rauf."
Estragon: "Meine Hose ausziehen?"
Wladimir: "Zieh deine Hose herauf."
Estragon: "Ach ja."
Wladimir: "Also? Wir gehen?"
Estragon: "Gehen wir!"

Regieanweisung Becketts: "Sie gehen nicht von der Stelle."
Und so könnte "Warten auf Godot" fortgesetzt werden ad infinitum. Oft hat man geglaubt, Samuel Beckett habe mit seinen Inszenierungen authentische Interpretationen seiner Stücke abgeliefert. Er hat dies immer abgelehnt: "Ich konnte nicht die Antworten geben, die man erhofft hatte. Es gibt keine Patentlösungen."


Autor: Karl-Heinz Lummerich
   
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