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9.11.1989: Mauerfall - Der Anfang
Bis um 18.53 Uhr ist der 9. November 1989 in Deutschland ein relativ unspektakulärer Tag: Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl ist zu Gesprächen in Warschau, im Bonner Bundestag entscheiden sich die Abgeordneten für eine Diätenerhöhung um 3,2 Prozent und in Ost-Berlin denkt das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei über Maßnahmen zur Beschwichtigung des sich immer deutlicher und lauter manifestierenden Unmuts der Bevölkerung nach...

"Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren"

Knapp ein Monat ist seit den gespenstisch-pompösen Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR vergangen, auf denen der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow orakelte: "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren."

Inzwischen ist der damalige Staats- und Parteichef Erich Honecker von einem Mann namens Egon Krenz gestürzt und ersetzt, geht die Abstimmung mit den Füssen weiter: massenhafte Ausreise von DDR-Bürgern, immer gewaltiger anschwellende Großdemonstrationen. Die Machthaber in Ost-Berlin können sich auf die "Schutzmacht" Sowjetunion nicht mehr verlassen, Glasnost und Perestroika erschüttern den gesamten Ost-Block, und nun sucht noch das eigene Volk das Weite.

Der Anfang vom Ende der DDR

Ein Ventil muss her. Man findet es in Form einer "Reiseverordnung", die dann hastig noch einmal überarbeitet wird, um den DDR-Bürgern das zu ermöglichen, was in demokratischen Gemeinwesen gar kein Thema ist: das ungehinderte Verlassen ihres Staates.

Als Günter Schabowski, damaliger Ost-Berliner Bezirkssekretär der SED, am Abend die Presse über die ZK-Tagung informiert, verliest er auf die Frage des Korrespondenten der italienischen Nachrichtenagentur ANSA eine Pressemitteilung, die eigentlich erst für den nächsten Tag, Freitag, den 10. November, bestimmt war: "Und deshalb haben wir uns entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen."

Es ist 18.53 Uhr. Was das DDR-Fernsehen live sendet, alle Nachrichtenagenturen um die Welt tickern, ist die Nachricht vom Fall der Mauer. Sie läutet den Anfang vom Ende der DDR ein.

Vorsicht und Fragezeichen

Noch sind die ersten Reaktionen vorsichtig, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, zu diesem Zeitpunkt in Warschau, sagte: "Was jetzt die Konsequenz dieser Entscheidung sein wird, welche überfälligen Reformen wirklich vollzogen werden, das kann zur Stunde niemand beurteilen."

In Bonn unterbricht der Bundestag seine Sitzung für kurze Erklärungen, u. a. des damaligen SPD-Vorsitzenden Jochen Vogel: "Diese Entscheidung bedeutet, dass die Mauer nach 28 Jahren ihre Funktion verloren hat!" und die Abgeordneten singen - ergriffen - die Nationalhymne.

Bald kennen die Nachricht alle - nur die DDR-Spitze nicht. Das ZK-Plenum tagt hinter verschlossenen Türen. Wenn es stimmt, was Teilnehmer später berichteten, hat keiner von ihnen Schabowskis Pressekonferenz gesehen oder gehört oder ist informiert worden.

Übergänge

Unmittelbar nach dem Fernsehauftritt Schabowskis erscheinen die ersten Ost-Berliner an den Übergängen nach West-Berlin, begehren Durchlass, werden auf den nächsten Tag vertröstet. Um 20.00 Uhr sind es Hunderte, schnell Tausende. Die Lage wird prekär. Ost-Berlin ist ein einziges Verkehrschaos. An den Schlagbäumen spielen sich tumultartige Szenen ab. Um 21.00 Uhr wird der damalige Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, von Staats- und Parteichef Krenz angewiesen, die Grenzübergänge öffnen zu lassen.

Um Mitternacht sind alle Berliner Übergänge offen, eine Stunde später auch alle zur Bundesrepublik.

"28 Jahre - das ist die Stunde!"

Berlin versinkt im Freudentaumel:
"Das ist ein bewegender Augenblick, auf den wir lange gewartet haben!"
"Wir haben im Fernsehen gesehen, die Grenzen sind offen und dann sind wir losmarschiert!"
"Wir gehen auch wieder zurück! Wir haben ja unser Zuhause, unsere Wohnung, alles schön!"
"Wir gehen jetzt ein Bier trinken auf dem Ku'damm und dann fahren wir wieder nach Hause. Und das machen wir dann öfter so..."
"Es ist toll!"
"28 Jahre - das ist die Stunde!"
"Ich bin sehr glücklich!"
"Wir wurden super empfangen. Es war einfach ein Wahnsinn! Man kann's überhaupt nicht fassen- ein Wahnsinn!"

"Die Mauer ist weg, die Mauer ist weg, die Mauer ist weg...!"


Autorin: Christa Kokotowski
   
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