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9.10.1967: Che Guevara erschossen
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Bernd Rabehl: "Che Guevara als Poster tauchte auf in Berlin bei irgendeiner Vietnam-Demonstration und zwar nicht zum Vietnam-Kongress, sondern schon vorher, 1967. Also mir ist Che Guevara zuerst ins Gesicht gesprungen, im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch in die Worte gefallen."

Das Bild der Revolution: Che, den Blick fest auf ein Ziel gerichtet. auf die Schatten der Brauen folgt der helle Streifen der Stirn, dann die Baskenmütze, auf ihr der fünfzackige Stern; die Mähne weht leicht im Wind. Wäre der Mythos ohne dieses Bild so stark? Wohl kaum sagt Bernd Rabehl.

Geschossen worden war das Foto schon 1960. Die kubanische Revolution war gerade ein Jahr alt, da flog in Havanna der französische Frachter "La Coubre" in die Luft. 75 Menschen starben, man vermutet Sabotage. Bei der improvisierten Trauerfeier bekommt der Cheffotograf der Zeitung "Revolución" Alberto Diáz, genannt Korda, el Comandante in den Sucher. Ein Schnappschuss, ein Zufallsprodukt, das jahrelang unbeachtet in einer Kiste des Fotografen liegt. 1966 kommt dann der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der Rowohlt Italiens, nach Havanna. Er sucht Fotos des Revolutionshelden. Bei Korda wird er fündig.

Bernd Rabehl: "Ich nehm auch an, dass der Katholik Feltrinelli von Anfang an in diesem Bild die Ähnlichkeit zu Christus hatte, die Assoziation zu Christus hatte und deshalb auch ein Symbol der Auferstehung der Revolte, der Revolution. Endlich wird 1917 in Mitteleuropa nachvollzogen."

Villagrande, Bolivien, 9. Oktober 1967. Auf einer Bank in einem winzigen Zweizimmerschulhaus wird Ernesto Guevara de la Serna von einem CIA-Agenten verhört. Der Agent sagt, dass er ihn bewundert, woraufhin ihm erwidert wird, dass man einen Che Guevara nicht verhört. Che Guevara war schon zu seinen Lebzeiten zu einem Mythos geworden, seit er nach seinem Sieg in Kuba mit seiner heiseren Stimme verkündet hatte, dass die Welt nun mit den Armen Amerikas rechnen müsse.

Ein Mythos, der keine Kraft mehr hatte. Der asthmakranke Revolutionär hatte bei seinem letzten Abenteuer in Bolivien auf verlorenem Posten gestanden. Seine in der kubanischen Revolution noch erfolgreiche Focus-Theorie war gescheitert. Mit seinen ursprünglich 55 Kampfgenossen wollte Che Guevara das wiederholen, was in der kubanischen Sierra Maestra so beeindruckend funktioniert hatte. Aber anders als in Kuba 1958 zogen die bolivianischen Bauern nicht mit, verieten ihn, kollaborierten mit den Truppen des bolivianischen Präsidenten Barrientos.

"Also Che Guevara hat auch damit geliebäugelt, diese Partisanenaktion von Peru aus aufzuziehen. Bolivien hat aus geographischen Gesichtspunkten heraus den Vorzug bekommen, weniger aus sozioökonomischen Gründen heraus. Nämlich es liegt im Herzen Südamerikas, hat Verbindungen zu sehr vielen anderen lateinamerikanischen Ländern, und Ché ging ja in seiner Konzeption davon aus, er hatte sich ja auf einen mindestens 15jährigen Befreiungskampf eingestellt. Er wollte quasi eine zweite Unabhängigkeitsrevolution unter sozialistischen Vorzeichen in Südamerika installieren, quasi ne sozialistische Unabhängikeitsrevolution", erzählt Uwe Eckhard Holz, Lateinamerikawissenschaftler in Rostock.

"Drei, vier Vietnams" schaffen, um den allmächtigen Yankee-Imperialismus herauszufordern. Aber die USA hatten gelernt. Von der offensiven Interventionspolitik im Hinterhof der USA, wie der südliche Teil des Kontinents lange gesehen wurde, war man abgerückt. Aktive, aber vorsichtige Diplomatie war angesagt.

Che Guevara war gescheitert. Mit seinem Tod rechnete er aber nicht. Wenn man einen Guevara nicht verhört, dann erschießt man ihn auch nicht.

Fest stand, dass die bolivianischen Ranger, die vom CIA zur Ergreifung der zuletzt 24 Partisanen auf bolivianischem Boden ausgebildet worden waren, ein riesiges Problem hatten: Che Guevara war in ihrer Gewalt. Aber was sollte man mit ihm tun? In Bolivien gab es keine Todestrafe und kein Hochsicherheitsgefängnis, in dem Che Guevara eine langjährige Haftstrafe verbringen konnte. Und der befürchtete Prozess bereitete Präsident Barrientos schlaflose Nächte.

Kurz zuvor war die bolivianische Regierung wegen der Verurteilung des französischen Linksintellektuellen Regis Debray ins Kreuzfeuer der internationalen Kritik geraten. Der Umgang mit Debray, der später in Frankreich auch als Berater von Francois Mitterrand arbeitete, hatte Bolivien international blamiert. Was für einen Aufschrei würde es erst geben, wenn es um Comandante Che ging?

Man will ihn töten, es aber so aussehen lassen, als sei es im Kampf geschehen. Keiner der bolivianischen Sodaten, die für die Exekution bestimmt sind, ist in der Lage, Che Guevara zu erschießen. Terán heisst der Mann, der es dann doch tut. Er betrinkt sich und feuert Che Guevara in die Brust.

Es waren nicht nur die näheren Umstände seines Todes in den bolivianischen Anden, die den argentinischen Arzt und lateinamerikanischen Revolutionär Ernesto Guevara de la Serna, genannt el Ché, für seine posthume Karriere prädestinierten. Auch dass er jung gestorben ist - wie vor ihm Evita Perón und James Dean, Marylin Monroe und John F. Kennedy und nach ihm Elvis Presley und Lady Di, die allesamt zu mythenumrankten Kultfiguren wurden - trägt zu seinem anhaltenden Nachruhm bei.

Es waren auch die Konsequenz seines Lebensweges, die Art seines öffentlichen Auftretens in den wenigen Jahren an der Seite seines Kampfgefährten Fidel Castro, die offensichtliche Übereinstimmung zwischen seinen Worten und seinen Taten, die ihm schon zu Lebzeiten einen Nimbus eingebracht hatten, an den nur ganz wenige seiner Zeitgenossen heranreichten.

Autoren: Ramón García-Ziemsen und Norbert Ahrens
   
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