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21.9.1957: Segelschulschiff Pamir sinkt
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Über dem Hamburger Flugplatz lagen die grellen Lichter des Abends. Mit gewohnt sicheren Bewegungen wies der Marschall die soeben gelandete US-amerikanische Militärmaschine ein. Es war dasselbe, was viele Male am Tage geschah, und doch anders.

Fünf junge Männer brachte die US-amerikanische Maschine am Abend des 29. September 1957 nach Hamburg. Fünf von sechs Schiffbrüchigen, die den Untergang des Segelschulschiffes Pamir überlebt hatten. Der Leichtmatrose Günther Haselbach war zu diesem Zeitpunkt noch in Puerto Rico, ein Kutter der US-amerikanischen Küstenwache hatte ihn am Nachmittag des 24. September wie durch ein Wunder entdeckt. Als Einziger von 22 Mann überstand er die Katastrophe in einem Rettungsboot. Seine Kameraden waren an Entkräftung gestorben, wurden über Bord gespült oder waren in die schäumende See gesprungen.

Vom Luftwirbel zum Hurrikan

Aber was war geschehen? Am 2. September 1957 beobachtete die Besatzung eines Passagierflugzeuges, wie sich südwestlich der Kapverdischen Inseln vor der afrikanischen Küste ein ausgedehnter Luftwirbel bildete. Die Beobachtung wurde über Funk weitergegeben. Das deutsche Segelschulschiff Pamir war zu diesem Zeitpunkt rund 500 Seemeilen nordwestlich unterwegs, mit einer Ladung von 3.780 Tonnen Gerste von La Plata, Argentinien, auf dem Heimweg nach Hamburg.

Am 6. September wuchs sich der Luftwirbel zu einem Hurrikan aus, der von der Hurrikanzentrale in Washington den Namen Carrie erhielt. Am 21. September empfing der Funker der Pamir morgens gegen acht eine erste Warnung - zu spät für eine Kursänderung. Bereits gegen neun Uhr fiel die erste Orkanböe über das Schiff her, die See ging zehn bis zwölf Meter hoch. Die Pamir funkte: "Viermastbark Pamir in schwerem Hurrikan - Position 35 Grad 57 Minuten nördlicher Breite und 40 Grad 20 Minuten westlicher Länge - alle Segel verloren - 45 Grad Schlagseite - Schiff macht Wasser - Gefahr des Sinkens."

Das Orkanzentrum hatte sich der Pamir bis auf 60 Seemeilen genähert. Um 14.57 Uhr verstummte mit dem letzten Funkspruch an alle Schiffe in der weiteren Umgebung die Stimme der Pamir.

Frachtfahrendes Ausbildungsschiff

Als die Pamir sank, war sie 52 Jahre alt. Die mit 3.101 Bruttoregistertonnen vermessene Viermastbark war 1905 bei Blohm und Voss in Hamburg vom Stapel gelaufen und einer der berühmten Flying-P-Liners der Reederei Laeisz. Das Schiff mit seinen 56 Meter hohen Masten fuhr zwischen den Weltkriegen unter finnischer Flagge und wurde 1951 in die Bundesrepublik zurückgekauft. Eine Stiftung der deutschen Reeder übernahm den 98 Meter langen Segler und die jüngere und etwas größere Passat 1956 als frachtfahrende Ausbildungsschiffe für den seemännischen Nachwuchs.

Als das Schiff am 1. Juli 1957 den Hamburger Hafen zur sechsten Ausreise in Richtung La Plata verließ, war dies keine reine Segelschiffsreise mehr. Die Reederei hatte eine Maschine von 1.000 PS einbauen lassen, man war damals auf dem neuesten Stand der Technik. Und um schneller zu sein als vorgesehen, ließ Kapitän Johannes Diebitsch auf der Fahrt nach Buenos Aires an 346 Stunden den Motor mitlaufen. Die Reise dauerte insgesamt 25 Tage.

3.780 Tonnen Gerste

An Bord: 86 Besatzungsmitglieder, davon 22 Schiffsjungen und 29 Jungmänner sowie ein Jungzimmermann, Berufsanfänger also. Die Reise nach Argentinien verlief ohne Probleme. Zwischen dem 26. Juli und dem 10. August wurden dort 3.780 Tonnen Gerste geladen, die - bis auf wenige Tonnen in Säcken - in loser Form in die Laderäume kam.

Doch Gerste ist eine Ladung, die sich wie Wasser im Schiffsbauch bewegt, wenn sie nicht in Säcken gefahren wird. Trennbretter und Schotten können sie nicht aufhalten, wenn ein Schiff in schwere See gerät oder sich auf die Seite legt. Diese Gefahr war von Kapitän Diebitsch wohl nicht erkannt worden.

Das traurige Ende der frachtfahrenden Segelschulschiffe

Die noch vorhandenen Rettungsboote konnten wegen der hoffnungslosen Schlagseite der Pamir nicht ausgebracht werden. Das Schiff kenterte und trieb einige Minuten kieloben. Wahrscheinlich gerieten viele Besatzungsmitglieder beim Umschlagen der Bark unter das Schiff.

Der Untergang der Pamir bedeutete auch das Ende der frachtfahrenden Segelschulschiffe. Das Schwesterschiff Passat wurde aus dem Verkehr genommen und liegt heute als Museumsschiff in Lübeck.


Autorin: Silke Bartlick
   
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