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2.9.1900: Sexualkunde als Schulfach in Preußen
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Siegrid Vollstett spricht vor einer Schulklasse: "Eines ist noch zu solchen Kondomen zu sagen. Es gibt auch Leuchtkondome. Das heißt, die müssen erst angestrahlt werden, dann leuchten die in der Dunkelheit weiter. Damit bitte sehr vorsichtig sein, die sind mit Tricium bestäubt, das das, was auch in den Leuchtziffern der Uhr und es ist auch leicht radioaktiv."

So kann sich Sexualkundeunterricht heute anhören, wenn Sigrid Vollstett vom Diakonischen Werk mit ihrem Aufklärungskoffer die Schulklassen besucht und verschiedene Verhütungsmittel vorstellt. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als Hubert Klein noch zur Schule ging, war so etwas undenkbar: "Wir haben noch gar nicht gedacht, dass das zwei Sorten Menschen gibt. - Aber einmal haben wir uns gefragt, warum tragen die Mädchen Röcke und wir mussten lange Hosen tragen. Das wurde dann in der Schule so getuschelt, aber wir waren da doch sehr zurück."

Dabei hatten Publikationen zum Thema Sexualität zu dieser Zeit schon Konjunktur. Sigmund Freud gestand auch dem Kind einen Sexualtrieb zu, und gerade das ließ die Hüter von Moral und Ordnung aufhorchen. Hinzu kam, dass die Bevölkerung in den industrialisierten Städten stetig zunahm, und damit auch unliebsame Begleiterscheinungen wie Prostitution und Geschlechtskrankheiten.

Dem wollten die Gesetzeshüter entgegenwirken. So soll es am 2. September 1900 einen Erlass des preußischen Schulministeriums gegeben haben, der die Einführung einer Art Aufklärungsunterricht an staatlichen Schulen plante.

Die Schulbehörde Breslau beauftragte einen Biologen damit, Vorlesungen für Lehrer zusammenzustellen, wobei es vorrangig um die Sexualhygiene, das heißt um Geschlechtskrankheiten sowie sexuelle Abweichungen vom Normalverhalten ging.

Die Kulturwissenschaftlerin Anja Tschierschke, die am Hygienemuseum in Dresden eine Ausstellung zum Thema Sexualität vorbereitet hatte, hat sich näher mit dieser Zeit beschäftigt: "Aufklärung war nur dazu da, dass die Heranwachsenden ihre Unschuld zu bewahren haben, dass sie den Triebverzicht ausführen müssen und dass sie eben ihre Reinheit wahren sollen. Also es ging ganz und gar nicht um das individuelle Glück der Zöglinge, sondern im Gegenteil darum, eben gesellschaftliche Probleme einzudämmen."

Nach einer gewissen Zeit der Freizügigkeit während der Weimarer Republik, in der die Menschen durch Freikörperkultur ihr Leben in Einklang mit der Natur bringen wollten, herrschte bei den Nationalsozialisten wieder Zucht und Ordnung. Auch hier standen die Hygiene und die Vermeidung von Geschlechtskrankheiten im Vordergrund. Bis zu einem offeneren Umgang mit dem Thema Sexualität war es noch ein langer Weg.

Tschierschke dazu: "In den 1950er Jahren, also nach Ende des Zweiten Weltkrieges, waren sowohl Geschlechtskrankheiten als auch die Masturbation noch ein wesentlicher Aspekt der Sexualpädagogik. Die Aufklärung in den 1950er-Jahren ist rein informativ."

In der ehemaligen DDR war man etwas weiter. Dort wurde immerhin schon ein eigenes Fach Sexualkunde eingerichtet, in dem Schüler der achten Klasse aufgeklärt wurden. Dann kamen die 1960er-Jahre, die Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, in der mit alten Konventionen gebrochen wurde.

Auch in Fragen der Sexualaufklärung. 1968 gab es einen Erlass, der mehr eine Art Empfehlung war, den Sexualunterricht in die verschiedenen Fächer einzubeziehen und das möglichst schon vom ersten Schuljahr an.

"Also es war schon ein sehr guter Anspruch, der da an die Sexualerziehung herangetragen wurde. Nur nicht in allen Bundesländern, Baden-Württemberg zum Beispiel, die wollten bis noch vor wenigen Jahren nur das auf Fragen der Kinder, dass überhaupt das Thema angesprochen wurde. Und es hat lange gedauert, bis die die grundsätzliche Sexualerziehung, so wie es in anderen Bundesländern Gang und Gäbe war, akzeptiert haben," sagte Karla Etschenberg, Vorsitzende der deutschen Gesellschaft für Geschlechtserziehung, kennt die Schwierigkeiten der Sexualaufklärung. Während es in den 1970ern noch darum ging, neben den biologischen Fakten auch zu erläutern, dass Sexualität etwas mit Lust zu tun hat, ist die Thematik heute komplexer geworden.

Mitte der 1980er Jahre kam das Thema HIV ins Gespräch. Ressentiments gegenüber Homosexualität oder Prostitution mussten beiseite geschoben werden. Kein sexuelles Verhalten wurde offiziell mehr abgewertet, um möglichst alle Betroffenen zu erreichen und in Aufklärungskampagnen die Benutzung von Kondomen zu propagieren.

Und dann ist da noch der Einfluss der Medien. Während viele Erwachsene meinen, ihre Kinder wüssten durch das Fernsehen sowieso schon Bescheid, hält Karla Etschenberg gerade im Medienzeitalter Aufklärung für wichtiger denn je: "Man muss ein bisschen Ordnung im Kopf der Kinder schaffen bezüglich der vielen Phantasien zum Thema Sexualität, die in Bilder umgesetzt werden in Medien, im Fernsehen. Zum Teil kennen die Kinder auch Pornofilme, auch wenn das nicht sein sollte. Und dass die Kinder so eine Vorstellung kriegen, was Alltagssexualität sein könnte, für sie persönlich, das ist die Aufgabe von heute."

Autorin: Gaby Reucher
Redaktion: Stephanie A. Hiller
   
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