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22.8.1864: Genfer Konvention
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Wenn hier von der Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention die Rede sein soll, dann ist es unumgänglich, den Mann in den Mittelpunkt zu stellen, dessen unermüdlichem Einsatz dieser erste humanitär-völkerrechtliche Vertrag zu verdanken ist: dem Schweizer Henry Dunant, dem Begründer des Roten Kreuzes.

Ihn würdigte Carlo Schmid, einer der Mitbegründer der Bundesrepublik Deutschland und einer der Väter des Grundgesetzes, anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Roten Kreuzes: "Am Anfang standen nicht Staatsweisheit, stand nicht Diplomatie. Am Anfang stand ein einzelner Mann, der sich nicht schämte, an die Kraft des Herzens zu glauben. Daran zu glauben, dass die Menschen folgen würden, wenn einer seinem eigenen Herzen kraftvoll vertraute."

Erinnerung an Solferino

Ausgangspunkt für Dunants Wirken ist das Erlebnis der Schlacht von Solferino im Jahre 1859. Italiener und Franzosen kämpfen gegen die Österreicher. Dunant erlebt mit Entsetzen, wie am Abend der Schlacht und in den folgenden Tagen tausende verwundeter Soldaten beider Seiten ohne jegliche medizinische Hilfe elend zugrunde gehen.

Dunant gelingt es, einige hundert Frauen und Mädchen der umliegenden Ortschaften zu überreden, den Verwundeten - gleich welcher Nationalität - zu helfen. Dunant, ein tiefgläubiger Mensch, aber leider ein erfolgloser, anscheinend naiver Geschäftsmann, ist derart aufgewühlt von den Folgen dieser Schlacht, dass er 1862 ein Buch mit dem Titel "Eine Erinnerung an Solferino" veröffentlicht.

Darin sind zwei grundlegende Anregungen enthalten: Schon in Friedenszeiten sollten Hilfsgesellschaften gegründet werden, deren Pflegepersonal bereit wäre, im Falle eines Krieges Verwundete zu betreuen. Ferner sollten diese Freiwilligen, die im Krieg die Sanitätsdienste der Armeen unterstützen würden, durch ein internationales Abkommen anerkannt und geschützt werden.

Der Grundstein des Roten Kreuzes

Dunant findet ein überwältigendes internationales Echo. 1863 wird er in Genf zu einem Vortrag vor einer dortigen philanthropischen Gesellschaft eingeladen. Darüber sagte Carlo Schmid: "Das Resultat war, dass ein Ausschuss eingesetzt wurde, der Dunants Vorstellungen weiter prüfen sollte. Dieser Ausschuss gab sich den Namen: 'Internationales Komitee für die Hilfeleistung an verwundeten Militärpersonen'. Es zählte fünf Mitglieder. Dunant war Mitglied und Sekretär des Komitees zugleich. Das war der Grundstein für das spätere 'Internationale Komitee vom Roten Kreuz'."

Auf Einladung dieses Komitees wiederum kamen 1863 Vertreter von 16 Ländern und vier philanthropischen Vereinigungen zu einer internationalen Konferenz in Genf zusammen, auf der das Rote Kreuz als Institution gegründet wurde.

Henry Dunant und seine Mitstreiter wollten jedoch mehr: nämlich die offizielle und internationale Anerkennung des Roten Kreuzes und seiner Ideale. Sie wollten die Annahme eines Abkommens erreichen, das den Schutz der Sanitätsdienste auf dem Schlachtfeld sicherstellte.

Die Genfer Konventionen

1864 berief die Schweizer Regierung - wiederum auf Betreiben Dunants und seiner Umgebung - eine diplomatische Konferenz nach Genf ein, auf der Vertreter von zwölf Regierungen einen vom Internationalen Komitee ausgearbeiteten Vertrag mit dem Titel "Konvention zur Verbesserung des Loses der Verwundeten bei den im Felde stehenden Heeren" annahmen. Dieses zehn Artikel umfassende Abkommen, das am 22. August 1864 angenommen wurde, war der erste humanitär-völkerrechtliche Vertrag: Es war die erste Genfer Konvention.

Es folgten weitere Konferenzen und Abkommen, die die grundlegenden Bestimmungen auf weitere Kategorien von Opfern, beispielsweise Kriegsgefangene und Zivilisten, ausdehnten.

Henry Dunant war wegen Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Fünferkomitees und als Folge seines geschäftlichen Ruins zunächst an den Rand gedrängt worden und schließlich sogar in Vergessenheit geraten. 1901 erhielt er als erster den Friedensnobelpreis. Die Ideen des Roten Kreuzes und der Genfer Konventionen - und die Taten, die daraus folgten - haben seinen Namen unsterblich gemacht.



Autor: Dr. Otto Busch
   
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