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15.8.1969: Das Woodstock-Festival
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400.000 junge Menschen, irgendwo zwischen 18 und 30 - aber auf keinen Fall älter - campieren drei Tage lang im Freien. Sie essen, schlafen und trinken unter freiem Himmel; vor allem rauchen sie Marihuana im Freien. Sie lieben sich im Freien, manche Mütter stillen ihre Säuglinge - und die meisten wirken irgendwie geistesabwesend, von einer tiefen Glückseligkeit erfüllt.

Die, die dabei waren in Woodstock vom 15. bis zum 17. August 1969, sprechen von der größten Friedensdemonstration aller Zeiten, von der Geburt einer Generation. Gehässige Zeitgenossen sehen den Grund der Friedfertigkeit in dem massenhaften Drogenkonsum der Blumenkinder.

Nur Spaß und Musik, Musik und Spaß

Eigentlich war alles anders geplant. Vier junge Männer hatten in Bethel, Bundesstaat New York, ein Open-Air-Rockfestival der gehobenen Art organisiert, und zwar auf einem rund 250 Hektar großen Areal der Farm von Max Yasgur. Die "Who" hatten zugesagt und Jimmy Hendrix, Joan Baez, Crosby, Stills & Nash, Jefferson Airplane und und und. Mit vielleicht 80.000 Hippies hatten sie gerechnet, dann kamen immer mehr, schließlich wurden die Zäune entfernt, nicht eingerissen, denn das wäre nicht friedlich gewesen.

Farmer Max Yasgur jedenfalls war hingerissen: "Ich bin nur ein Bauer. Ich weiß nicht, wie man zu so einer großen Menschenmenge spricht. Das ist die größte Gruppe, die jemals an einem Ort zusammengekommen ist. Aber ich denke, ihr habt der Welt etwas bewiesen, nämlich, dass eine halbe Million Menschen zusammenkommen können, Musik hören und drei Tage Spaß haben - nur Spaß und Musik."

Woodstock war nicht das erste Open-Air-Festival in den späten 1960-ern. Und den echten Hippies gilt bis heute das Monterey-Festival in Kalifornien im Sommer 1967 als das wahre Erlebnis. Aber dort kamen eben nur 50.000 und in Woodstock acht Mal soviel.

Eine gigantische Verweigerung

Dabei war 1969 die ganz große rebellische Euphorie fast schon wieder vorüber. In Berlin und Paris hatten die Studierenden die Barrikaden abgebaut, im kalifornischen Berkeley auch. Im Weißen Haus in Washington regierte der verhasste Nixon, der den Vietnam-Krieg zwar nicht begonnen hatte, der aber alle Klischees des reaktionären Lenkers alten Schlages verkörperte.

Und Woodstock war so gesehen eine gigantische Verweigerung gegenüber diesem Nixon-Amerika. Country Joe McDonald, Ex-Elite-Soldat der Marines und Sprachrohr der Studentenrevolte zwei Jahre zuvor, verhöhnte zur Begeisterung der Massen den schmutzigen Krieg mit Napalm in den Sümpfen Vietnams.

Am deutlichsten aber schrie Jimi Hendrixs Gitarre den Protest heraus. Die US-amerikanische Nationalhymne, durchpeitscht von herabstürzenden Bombern. Die Gitarre wimmerte im Feedback, wurde von Hendrix mit den Zähnen malträtiert. Eindrucksvoll präsentierte sich der Star ein Jahr vor seinem Tod als bester Rock-Gitarrist aller Zeiten.

Woodstock als Mythos

Woodstock funktionierte danach in erster Linie als Verklärung, als Mythos. Das lag daran, dass das Festival so etwas wie der Schlusspunkt der Hippie-Bewegung war. Im gleichen Jahr hatte die Manson-Bande in den USA zu Rockmusik und in Drogenwahn ihre grausamen Morde begangen.

Noch im gleichen Jahr geriet das Konzert der Rolling Stones in Altamont in Kalifornien zum Tiefpunkt der Rockgeschichte. Die Hells Angels als Ordner erstachen vor der Bühne einen Schwarzen, und die Fachpresse sprach von der hässlichen, geldgierigen Fratze der Pop-Industrie.

Nichts war mehr zu hören vom kommerzfreien Liebesfestival in Woodstock. Und die Organisatoren der Drei-Tage-Orgie wurden durch einen opulenten Plattenmitschnitt und den Festivalfilm wohlhabend. Zurück blieb eine Schlammwüste, gefüllt vom Müll der Liebeskinder, denn es hatte geregnet in Woodstock, was den Mythos nur noch verstärkte.


Autor: Jens Thurau
   
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