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8.7.1990: Dritter WM-Titel für deutsche Fußballer
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Das Olympiastadion von Rom am 8. Juli 1990: Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Argentinien sind nur noch wenige Sekunden zu spielen.

In einer Rundfunk-Reportage hieß es damals: "Pierre Littbarski noch mal gefoult. Der Schiedsrichter lässt Vorteil gelten. Litti hat den Ball immer noch. In der Mitte wartet Rudi Völler. Immer noch der 30-jährige Kölner bei seiner dritten WM. Er stand im Finale 1982. Es hat nicht gereicht. 1986 musste er von draußen zuschauen. Und hier heute Abend in Rom ist er Weltmeister. Deutschland ist Fußballweltmeister. Am Abend des 8. Juli um 21.50 Uhr ist die deutsche Mannschaft Fußball-Weltmeister in Italien geworden."

Beckenbauers Kaiserkrönung

Während die Spieler ausgelassen den dritten Weltmeistertitel für Deutschland feiern, spaziert ein Mann mutterseelenallein über den Rasen, Franz Beckenbauer, der Teamchef, er sagte später: "Ich wollte allein sein. Ich wollte weg. Der Trubel da um mich herum, der war zu hören. Aber ich war irgendwo mit meinen Gedanken. Aber ich weiß nicht wo."

In der Ewigen Stadt erfährt Franz Beckenbauer seine endgültige Kaiserkrönung. Als Spieler hatte er bereits 1974 die Weltmeisterschaft gewonnen, nun holt er im zweiten Anlauf auch als Trainer den Titel. Dazugelernt hatte er gegenüber der WM 1986 in Mexiko vor allem im Umgang mit den Medien, er sagte: "1990 war eine ganz andere Situation. Wir waren getrennt, wir hatten ein eigenes Quartier. Wir haben die Journalisten jeden Mittag eingeladen: eine Stunde Pressegespräch, dann sind die wieder gegangen. Und wir waren wieder alleine und konnten uns auf die Spiele konzentrieren. Diese Regelung war natürlich wesentlich besser als wir sie hatten 1986 in Mexiko."

Deutschland im Finale

Spektakulär startet die deutsche Mannschaft in die WM in Italien: Mit einem 4:1-Sieg gegen Jugoslawien. Für den damaligen Assistenztrainer Berti Vogts war dies der Grundstein zum späteren Erfolg: "Die deutsche Mannschaft erwischte wirklich eine Wolke des Erfolges im ersten Spiel gegen - damals hieß es noch Jugoslawien. Und von diesem Spiel hat die deutsche Mannschaft während der gesamten WM gelebt. Und das war, glaube ich, von der Psyche her das Problem, das gelöst worden war von der Mannschaft mit dem herrlichen Sieg von 4:1."

Im Achtelfinale besiegt das deutsche Team die Niederlande 2:1. Unvergessen dabei die Spuckeinlage von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler. Nach dem 1:0 im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei ist England die letzte Hürde auf dem Weg ins Finale. 1:1 steht es nach Verlängerung. Das Elfmeterschießen muss entscheiden.

Reportage: "Chris Waddle geht zum Elfmeterpunkt. Waddle: Verschießt er, ist Deutschland im Endspiel. Das kennen wir ja von gestern Abend. Er läuft an, mit dem linken Fuß, aber übers Tor. Alles entschieden: Deutschland ist im Finale."

Mit Elfmeter zur Entscheidung

Gegner im Endspiel ist wie 1986 Argentinien. Doch diesmal sind die Rollen vertauscht, so Franz Beckenbauer: "Die Argentinier haben sich so ein bisschen durchgemogelt. Es war so eine Situation wie wir sie 1986 hatten, nur umgekehrt. 1986 waren wir in dieser Rolle. Wir haben uns da bis ins Endspiel vorgemogelt mit keiner überzeugenden Leistung. Und diesmal waren es die Argentinier, die sich da so ein bisschen durchgemogelt haben. Zweimal durch Elfmeterschießen weitergekommen, also mit recht viel Glück. Und daher wussten wir, dass wir die bessere Mannschaft waren. Dass es natürlich auch schwer werden wird, haben wir ja gesehen. Na ja gut, Gott sei Dank haben wir dann so kurz vor Schluss noch einen Elfmeter bekommen. Und damit war klar, dass wir dieses Spiel gewinnen."

Bis zur 85. Minute steht es in Rom vor 73.000 Zuschauern noch 0:0. Dann wird Rudi Völler im Strafraum von den Beinen geholt. Andreas Brehme mit dem entscheidenden Elfmeter. In der Rundfunkfunk-Reportage war zu hören: "Andreas Brehme. Er steht am Strafraumrand. Goycochea konzentriert sich. Jetzt ist der Ball freigegeben worden, mit dem rechten Fuß, und Tor. Tor für Deutschland. Elfmetertor durch Andreas Brehme."

54-74-90

Es bleibt beim 1:0. Illgner, Augenthaler, Berthold, Reuter, Kohler, Buchwald, Brehme, Häßler, Matthäus, Littbarski, Klinsmann und Völler. Diese Spieler stellten den dritten WM-Titel für Deutschland nach 1954 und 1974 sicher.

Der Vater des Erfolges jedoch war Franz Beckenbauer, nicht nur nach Meinung von Assistenztrainer Berti Vogts: "Die Stärke von Franz Beckenbauer ist in der Öffentlichkeit ja gar nicht so publik geworden. Man sagt immer, er hat rein aus dem Bauch entschieden. Das hat er nicht. Franz ist ein sehr konzentrierter Arbeiter, ein Analytiker, der, ich hätte fast gesagt, tagelang sich Videos angeschaut hat von den Gruppengegnern, der jeden einzelnen Gegner analysiert hat. Und der mit einer wirklich unheimlichen Intensität jeden einzelnen Spieler auf das Turnier wie auch auf den direkten Gegenspieler eingestellt hat."


Autor: Arnulf Boettcher
   
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